Kapitel eins! Leseproben

Für Leser, Freunde, Freaks, Fans und Literaturwissenschaftler stehen hier die ersten Seiten meiner Romane in chronologischer Reihenfolge (neue zuerst) online.
Als Leseprobe, Appetitanreger, wasauchimmer …
Viel Spaß, Oliver

ACHTUNG! Wegen häufiger Anfragen nach momentan im Handel nicht erhältlichen Titeln: Ich habe noch ausreichende Bestände meiner Titel – auch für Klassensätze – , die ich gegen Rechnungsstellung (gern signiert) verschicken kann. Bitte einfach Kontakt aufnehmen unter „oliver et pautsch punkt net“. Danke.

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„Sherlock Holmes, der Meisterdetektiv.
Das Geheimnis des blauen Karfunkels“

Klassiker für Erstleser, Arena Verlag (2016)

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70712-9_Pautsch_Sherlock-Holmes.inddMein Name ist John Watson. Ich bin Arzt.
Sherlock Holmes ist ein berühmter Meisterdetektiv.
Wir haben uns vor ein paar Jahren zufällig bei der Wohnungssuche in London, England kennengelernt. Wir suchten damals beide eine Unterkunft. Die Mieten für eine Person waren viel zu hoch. Deshalb haben wir uns die Wohnung im ersten Stock in der Baker Street 221b geteilt und eine Wohngemeinschaft gegründet.
Daraus ist eine enge Freundschaft geworden.

Sherlock arbeitet nicht bei der Polizei. Manchmal bittet Inspektor Lestrade von Scotland Yard um Sherlocks Hilfe bei der Lösung von Kriminalfällen.
Und mir ist es natürlich eine Freude und Ehre, Sherlock bei seinen spannenden Kriminalfällen zu unterstützen.

Im Kriminalfall um den Blauen Karfunkel geht es um einen sehr berühmten Edelstein von unschätzbarem Wert. Und um Gänse.
Was das miteinander zu tun haben soll? Nun, lest selbst:

Unerwarteter Besuch
Es ist ein sehr kalter Tag im Winter des Jahres 1889. Sherlock Holmes sitzt in seinem Sessel am Kaminfeuer im ersten Stock in der Baker Street 221b. Er liest Zeitung. Der schlanke große Mann steht auf und lächelt erfreut, als ich sein Zimmer betrete..
„Watson, mein lieber Freund. Wie schön, dass Sie mich besuchen .“
„Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Holmes. Wie geht es Ihnen?“
„Gut, gut. Nehmen Sie beim Kamin Platz. Gleich hier an meiner Seite.“
Sherlock rückt den Sessel für mich näher an das wärmende Feuer.
Es ist komisch – obwohl wir seit Jahren enge Freunde sind, sagen wir immer noch „Sie“ zueinander und nennen uns beim Nachnamen.
Tja, manche Angewohnheiten ändert man eben nie.
Sherlock bietet mir eine Tasse Tee an. Er füllt meine Tasse und zeigt auf die Titelseite der Tageszeitung.
„Haben Sie schon die Schlagzeile von heute gelesen, Watson?“
„Bin leider noch nicht dazu gekommen.“
„Das wird Sie interessieren.“ Sherlock reicht mir die Zeitung. Ich setze meine Brille auf und lese die großen Buchstaben der Schlagzeile:

RAUB IM HOTEL COSMOPOLITAN!
DER BLAUE KARFUNKEL WURDE GESTOHLEN!!

„Der blaue was?“, frage ich. Sherlock erklärt es mir. Wie so oft.
„Der Blaue Karfunkel ist ein sehr seltener und unglaublich wertvoller Edelstein.“
„In der Farbe … blau, wie ich annehmen darf?“ Ich erlaube mir einen kleinen Scherz. Sherlock sieht mich todernst an.
„Wie kommen Sie nur darauf, Watson?“
„Nun, äh … ich hatte gedacht, weil er doch der Blaue Karfunkel heißt, und …“
Sherlock lacht laut auf. Er hat mich reingelegt. Schon wieder!
„Aber Watson. Ich mache doch nur Spaß! NATÜRLICH ist der edle Stein blau! Das gute Stück gehört der Gräfin Morcar. Sie bewohnt das größte Zimmer im Hotel Cosmopolitan – die Präsidenten-Suite. In der Zeitung wird berichtet, dass die Gräfin nicht in London war, als der Blaue Karfunkel aus ihrem Zimmer gestohlen wurde.“
Sherlock scheint sich über den Diebstahl zu freuen! Ich ahne auch, warum. Ganz sicher wird Sherlock Holmes diesen Fall übernehmen. Er will der Gräfin ihren Edelstein zurückbringen. Wie es sich für einen fähigen Meisterdetektiv gehört. Und richtig:
„Was halten Sie davon, wenn wir uns die Sache ansehen, mein lieber Watson?“
„Ich bin ganz Ihrer Meinung, Holmes.“ Vorher nehme ich aber noch einen Schluck von meinem Tee. Denn Sherlocks Vermieterin kocht ganz hervorragenden Tee.
Missis Hudson wohnt im Erdgeschoss der Baker Street 221b und kümmert sich um meinen Freund. Denn er mag ein Meisterdetektiv sein. In Dingen, die den Haushalt betreffen, ist Sherlock ganz schön vergesslich. Man könnte es auch schlampig nennen. Wenn Missis Hudson für Sherlock nicht ab und zu eine Mahlzeit zubereiten würde – der dünne Detektiv wäre nur noch ein Strich in der Landschaft!

Wir wollen gerade das Haus verlassen, und uns den Tatort im Hotel Cosmopolitan ansehen. Doch plötzlich wird die Tür aufgerissen. Ein etwa zehn Jahre alter Junge stürmt herein. Er trägt eine rote Uniform mit vielen goldenen Knöpfen daran. Sein Gesicht ist fast ebenso rot wie die Uniformjacke. Mitten im Raum bleibt er atemlos stehen und fuchtelt mit einem schwarzen Hut in seiner rechten Hand herum.
„Mister Holmes, Mister Holmes!“, keucht er aufgeregt.
Sherlock legt dem Jungen eine Hand auf die Schulter.
„Ganz ruhig, Bob“, sagt Holmes. „Erst einmal tiiieeef durchatmen!“
„Sie kennen den jungen Mann?“ Ich wundere mich.
„Nein, wir haben uns noch nie gesehen“, antwortet Sherlock.
„Aber woher wissen Sie dann wie der Junge heißt?“
„Nun, ich kann ganz gut lesen.“ Sherlock tippt auf ein goldenes Namensschild auf der Brust der Uniformjacke – und richtig: dort steht ‚Bob‘.
„Ach, ja … natürlich.“ Ich räuspere mich verlegen.

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„Geheimakte Edison – Die Jäger des Lichts“
Rätselkrimi, Arena Verlag (2013)

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70010_Pautsch_Edison_Layout 1Anreise mit Hindernissen
„Ich will aber nicht umziehen Mama!“, quengelt meine kleine Schwester Hope auf der unglaublich langen Zugfahrt. Zum hundertsten Mal. Oder zum tausendsten Mal? Ich habe in den letzten Tagen den Überblick verloren.
Ich will auch nicht umziehen, Schwesterchen, denke ich, halte aber lieber die Klappe, denn …
„Hope, das haben wir doch schon so oft besprochen. Papa brauchte diese Stelle unbedingt“, antwortet unsere Mutter. „Und die Ostküste ist ganz wunderbar!“
Hope ist erst sechs und auf der langen Zugfahrt vor Langeweile fast umgekommen. Sie kann ja noch nicht einmal lesen. Und das Ballspielen auf dem Gang fand der Schaffner nicht so toll. Das Fenster darf man auch nicht öffnen. Der Qualm der Dampflok würde alles mit Ruß verkleben. So haben wir fast die ganze Zeit auf dieser unendlich langen Reise quer durch das Land auf unseren Plätzen gesessen und uns gelangweilt. Über zweitausendneunhundert Meilen. Das sind, Moment … über …

VIEREINHALB! TAUSEND!! K I L O M E T E R !!!

Mein Name ist James Pendelton und ich bin zehn Jahre alt. Wir haben fast das ganze Land durchquert, um Vater zu folgen. Er hat beim „Zauberer von Menlo Park“ eine Anstellung bekommen, weil er etwas wohl sehr gut können muss. Sonst hätte Mister Edison, so heißt der Zauberer, ihn wohl nicht eingeladen und dann gleich dabehalten. Nun soll mein Vater ihm bei seinen Forschungen unterstützen.
„Es ist wundervoll Claire!“, hatte Papa geschrieben. „Wir bekommen ein Haus und ich werde das Vierfache verdienen! Pack die Koffer und löse die Wohnung auf. Kommt vorbei – so schnell wie möglich!“
Kommt vorbei hört sich natürlich so an, als wäre Menlo Park direkt um die Ecke. Ist es aber nicht. Es liegt etwas unterhalb von New York City, dieser riesigen Stadt, von der ich schon viel gehört habe.
Habe ich schon erwähnt, dass wir bald über zweitausendneunhundert Meilen von zuhause entfernt sind?

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„Geheimakte T-Rex – Drachenjagd am Höllenfluss“
Rätselkrimi, Arena Verlag (2013)

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Drachenjagd

„Max, holst du für Mister Wilson bitte zwei Dosen Pfirsiche aus dem oberen Regal?“, fragt mein Vater. Er steht hinter dem Tresen.
Ich sehe von einem Buch auf. In der Ecke mit den beiden Bücherregalen halte ich mich am liebsten in unserem Laden auf.
„Gern, Paps.“
„Aber von den großen Dosen, Junge!“
„Schon klar.“ Ich stehe auf und gehe durch den Laden zu dem Regal mit den Konservendosen. Vor dem Verkaufstresen neben dem Eingang steht Mister Wilson. Er ist der Bahnhofsvorsteher in unserem Ort und ziemlich dick. Immer kauft er bei uns große Dosen mit eingelegten Pfirsichen. Diese süßen Dinger liebt er über alles.
„Besonders den Saft!“, sagt Mister Wilson jedes Mal, wenn er bei uns einkauft. Und mein Vater nickt dann ebenfalls immer und lächelt. Obwohl er Mister Wilson in Wirklichkeit kaum zuhört. Denn er rechnet zusammen, was vor ihm auf der Theke steht. Alles, was Mister Wilson gekauft hat. Das meiste davon ist Süßkram.

Irgendwann, wenn ich größer bin, soll auf dem Schild über unserem Schaufenster mal stehen:

„John Sand & Sohn – Waren aller Art.“

Aber das wird noch ein paar Jahre dauern, denn ich bin erst zwölf Jahre alt. Meine Eltern betreiben ein kleines Kaufhaus. Das einzige in unserem Ort. Wir führen fast alles, was man hier auf dem Land so braucht. Vom feinen Porzellan für den Wohnzimmertisch bis zu Spitzhacke und Schaufel. Von der Lakritzstange bis zum Salzhering, von der Unterwäsche bis zu den Abenteuerbüchern …
„Es gibt nichts, was es im kleinsten Kaufhaus der Welt nicht gibt!“, lacht mein Vater und sieht mich über seine Brille hinweg verschmitzt an. „Und wenn wir es nicht haben sollten, verkaufen wir den 411 Bürgern von Hell Valley eben etwas anderes …“
„Es sind schon 412, Paps“, sage ich ernst. Denn ich bin heute an unserem Ortschild vorbeigekommen und habe die neue Zahl gelesen. Auf dem Schild am Ortseingang wird ganz genau eingetragen, wie viele Menschen gerade in unserer Gemeinde leben. Darum kümmert sich Sheriff Pengborn persönlich. Sonst hat er nämlich nicht besonders viel in unserem gemütlichen Ort zu tun. Auch wenn Hell Valley „Höllental“ heißt, hier ist es eigentlich immer total ruhig – und leider auch furchtbar langweilig.
„Oh, schon 412 Einwohner … Dann muss das Baby der Polls endlich auf die Welt gekommen sein“, sagt mein Vater und rechnet eifrig weiter.
Ich stehe auf der Leiter und kann die großen Dosenpfirsiche nicht finden. Sie sind ausverkauft, fällt meinem Vater ein. Im Lager gibt es auch keine mehr. Er bietet Mister Wilson vier kleine Dosen Pfirsiche zum gleichen Preis an.
„Dann haben Sie hundert Gramm mehr! Diese Leute von der Expedition haben mir ganz schöne Löcher in meine Regale gekauft …“

„Etwa die Drachenjäger?“, fragt Mister Wilson. Er reißt die Augen auf und beugt sich neugierig vor. „Davon habe ich ja auch schon gehört. Wie viele sind es denn?“
„Nun …“ Mein Vater tut so, als müsse er sich erst erinnern. Aber nur, um es für Mister Wilson etwas spannender zu machen. Schließlich verkauft er nicht nur Waren aller Art. In unserem Geschäft gibt es auch immer den neuesten Klatsch und Tratsch zu hören. Die Neuigkeiten und Gerüchte sind allerdings umsonst. Mit großer Geste vorgetragen von meinem Vater. Sie kurbeln das Geschäft an, glaubt er. John Sand hätte auch einen guten Schauspieler abgegeben. Aber hier in Hell Valley gibt es leider kein Theater.
„Es waren vier Personen. Drei Männer und eine Frau.“
„Eine Frau?“ Mister Wilson reibt sich entzückt die Hände. Diese tolle neue Information lässt sich sehr gut weitererzählen. „Sind sie bewaffnet?“, will er wissen.
„Nun, Gewehre und Revolver habe ich keine gesehen. Sie sind eher mit Schaufeln und Spitzhacken bewaffnet, würde ich sagen. Das meiste davon stammt aus meinem Laden. Die haben vielleicht eingekauft, sage ich Ihnen …“
Ich stehe immer noch auf der Leiter vor den Konservendosen und spitze die Ohren, während mein Vater aufzählt, was die Drachenjäger alles gekauft haben. Der ganze Ort spricht seit zwei Wochen von nichts anderem mehr. Und auch ich BRENNE darauf, alles über die Expedition des mysteriösen Barnum Brown zu erfahren.

„Barnum Brown“, was für ein merkwürdiger Name, findet Mister Wilson. Das ist typisch für unseren Ort. Hier wird jeder Fremde erst einmal angestarrt. Wenn ein Name nur etwas anders klingt, oder er auch nur etwas anders aussieht, als die Einheimischen, werden sie sofort misstrauisch.
„Er soll seinen Vornamen nach diesem legendären Zirkusbesitzer P.T. Barnum verpasst bekommen haben“, erzählt mein Vater. Keine Ahnung, ob das wahr ist oder ob er sich das nur ausgedacht hat.
Die Drachenjäger waren mit Pferden und Maultieren an einem Dienstag vor zwei Wochen in Hell Valley aufgetaucht. Ich war leider nicht dabei, als sie sich bei uns eingedeckt haben. Ich musste eine Lieferung in den Nachbarort bringen und war erst am frühen Abend zurück. Ich ärgere mich heute noch darüber, diese interessante Truppe verpasst zu haben.
„Aber Junge, die kommen auf jeden Fall hier wieder einkaufen. Sie haben ihr Lager irgendwo am Hell Creek aufgeschlagen. Wo sollen die sich denn mit neuen Nahrungsmitteln versorgen, wenn nicht bei uns?“
Und damit hatte mein Vater natürlich vollkommen recht. Also warte ich nun schon seit fast zwei Wochen und werde immer ungeduldiger! Mittlerweile ist der Mai vorbei und es ist schon Juni geworden. Was ist, wenn sie nun doch nicht mehr bei uns einkaufen kommen? Es ist zum Verrücktwerden!
Ich kenne die Gegend um den Höllenfluss wie meine Westentasche. Das ausgetrocknete Flussbett liegt einen halben Tagesritt von unserem Ort entfernt. Dort war ich schon oft allein oder mit Freunden auf der Jagd. Aber Drachen habe ich dort noch nie zu Gesicht bekommen.

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„S.U.P.E.R. – Helden in Gefahr“ – Jugendroman, Thienemann Verlag 2011 (Band 2 von 3)

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Die Flammen schlugen meterhoch in den Himmel.
„Jemand muss doch helfen!“, rief jemand vor dem Schulzaun.
„Die Feuerwehr ist alarmiert“, war eine andere aufgeregte Stimme zu hören.
Die Menge der Schaulustigen wuchs von Minute zu Minute. Dichter Rauch quoll dunkel aus den kleinen schräg stehenden Oberlichtern über den Fenstern der Schulcontainer, die zur Straße hin lagen.
Als Paula, Ulla und Ergun die Brandstelle erreichten, waren die Schüler aus den Containern bereits von Lehrern in Sicherheit gebracht worden. Doch plötzlich horchte Paula erschreckt auf.
„Da drin ist immer noch einer“, sagte sie. „Ich kann ihn husten hören!“
„Wir müssen etwas tun!“, antwortete Ulla.
„Aber was?“, fragte Ergun. Er stand mit Ulla und Paula am Zaun vor der Schule zwischen all den anderen Menschen.
Sie waren sofort zum Schulgelände geeilt, als Paula, das blonde Mädchen mit den übermenschlich scharfen Sinnen den Brand bemerkt hatte.
„Wer kann denn hier fliegen? Du oder ich?“, zischte sie nun leise.
„Aber wie soll ich denn da reinkommen?“
„Los, kommt mit!“ Ulla zog Ergun und Paula um eine Straßenecke.
Die Reihe vor dem eigentlichen Schulgebäude war drei Container breit. Man hatte sie nebeneinander gestellt, mit Türen verbunden und die Schulklassen für die Dauer der Renovierung des Schulgebäudes übergangsweise in den Containern untergebracht.

Zuerst hatte der rechte Schulcontainer Feuer gefangen. Dort befand sich leider auch die Metalltreppe mit dem einzigen Eingang. Die Kinder rannten von der Einfahrt zur Hausmeisterwohnung über den Rasen zur Rückwand des rauchenden Containers, aus dem Paula das Husten gehört hatte.
„Auf dieser Seite gibt es überhaupt keine Fenster, nur diese Oberlichter“, stellte Paula keuchend fest, als sie die anderen erreicht hatte.
„Halt durch! Wir holen dich da raus!“, rief Ulla. Sie legte eine Handfläche auf die dunkelgrün gestrichene Rückwand. Ihre Hand mit den schwarz lackierten Fingernägeln im Gothik-Stil begann sich grünlich zu verfärben. Weder Paula noch Ergun wunderten sich darüber. Beide wussten, dass Ulla eine Formwandlerin war. Sie hatte die Fähigkeit, mit jedem Material zu verschmelzen und es zu durchdringen.
„Kommst du da durch? Kannst du mich reinbringen?“, fragte Ergun hektisch.
Ulla zog mit schwerzverzerrtem Gesicht die Hand weg. „Nein, die verdammten Wände sind bereits viel zu heiß.“
Die drei Kinder standen völlig allein auf der Wiese zwischen den qualmenden Containern und dem Schulgebäude, das bereits von Lehrern evakuiert worden war.
„Da drin hustet immer noch jemand“, sagte Paula, dann rief sie Richtung Oberlicht: „Leg dich auf den Boden, hörst du? Dort ist der Rauch nicht so dicht. Auf den BODEN!“
„Hat er dich verstanden?“, wollte Ergun wissen.
„Ja, aber er klingt nicht gut … Wo bleibt die Feuerwehr? Ich höre nicht einmal Sirenen.“
„Mist, das ist schlecht“, zischte Ulla. Denn sie wusste, wie weit die Hilfe noch entfernt sein musste, wenn selbst Paula mit ihrem unglaublich guten Gehör noch keine Sirene hören konnte.
„Hey! Bist du auf dem Boden? Kannst du mich hören?“, rief Ergun. Dann horchte er. Doch außer Paula konnte niemand die Antwort verstehen.
„Er hat dich verstanden“, sagte sie. „Vorn kann er nicht raus, sagt er. Weil er nichts sehen kann. Er röchelt und kriegt kaum noch Luft.“
„Wir haben keine Zeit mehr. Das muss tierisch heiß da drin sein!“
Ergun dachte nach. Er sah sich hektisch auf der Wiese und in den Büschen vor dem Schulgebäude um.
„Was suchst du?“, fragte Ulla.
„Irgendwas, um die Scheiben der Oberlichter einzuwerfen, damit ich rein kann“, antwortete Ergun, da klirrte es. Durch die Hitze war aus der Scheibe eines schmalen Oberlichtfensters scheppernd eine Ecke herausgebrochen.
„Ist das groß genug für dich?“, fragte Ulla skeptisch.
„Ich muss es versuchen“, antwortete Ergun. Er knöpfte sich die Jeansjacke zu und stellte den Kragen hoch.
„Denk dran, Ergun. Nicht das Feuer ist das Schlimmste bei einem Brand, sondern der Rauch!“ Paula strich durch Erguns dichtes schwarzes Haar. „Die meisten Opfer verbrennen nicht, sie ersticken!“
„Du machst ihm ja wirklich Mut“, sagte Ulla genervt.
„Ich will nur, dass Ergun die Risiken kennt!“
„Ja, Mama!“, erwiderte Ulla provozierend.
„Mädels … Dafür haben wir jetzt wirklich keine Zeit!“
Ergun hob langsam vom Boden ab. Er schwebte mit den Füßen zuerst vor das Oberlichtfenster und trat ein loses Stück Glas weg.
„Hey! Du da drin! Kriech unter das Oberlicht!“, rief er in den Qualm. Als Antwort hörte er ein Husten aus dem Inneren.
„Ich komme zu dir“, rief er in das Loch. „Das muss alles verdammt schnell gehen, wenn ich drin bin. Hast du gehört?“
Ein letzter Blick zu den beiden Mädchen, die ihn besorgt ansahen, dann schwebte Ergun Dervis, der zwölfjährige Junge mit der Fähigkeit zu fliegen, mit den Füßen voraus in den qualmenden Schulcontainer.
Er hielt den Atem an und konzentrierte sich auf das Husten am Boden unter seinen Füßen. Keine drei Meter von ihm schlugen Flammen durch eine Ecke des weggebrannten Dachs in den freien Himmel. Obwohl er bereits seine eigenen verbrannten Haare riechen konnte, war Ergun erleichtert über das Brandloch im Containerdach. Er tastete nach dem Körper des hustenden Jungen, fand eine Hand, einen Arm und schließlich einen Oberkörper, den er umklammern konnte.
„Halt durch, Mann!“, flüsterte er erstickt, hustete und konzentrierte sich. Dann schossen die beiden Körper wie eine Doppelrakete durch den Qualm und die Funken des brennenden Containers lautlos in den Himmel.

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„S.U.P.E.R. – Mehr als ein Held“ – Jugendroman, Thienemann Verlag 2010 (Band 1 von 3)

Wie kann man nur an einem Montag in der ersten Stunde Sport haben?, dachte Ergun. Er seufzte in sein Kissen und konnte immer noch nicht fassen, was an diesem Morgen passiert war. Der Regen prasselte gegen das Fenster seines Zimmers. Im Kirchturm auf der anderen Straßenseite schlug die Glocke. Es war schon halb zwölf, doch statt zu schlafen, wälzte er sich todmüde im Bett herum. Ihm taten alle Knochen weh.
Obwohl das Schuljahr fast vorüber war, hatte Ergun sich immer noch nicht daran gewöhnen können, um acht Uhr morgens in kurzen Hosen im Freien auf einem Sportplatz stehen zu müssen. An diesem Montag war es Weitsprung gewesen. Ausgerechnet Weitsprung! Bei Nieselregen in einen nassen Sandkasten zu springen war …
Bescheuert. Totaler Hirnriss!, dachte er.
„Um acht Uhr morgens in einen klitschnassen Sandhaufen zu springen, ist der totale Hirnriss!!“, hatte Luis wütend gesagt, als sie auf der Tartanbahn gestanden hatten. Triefnass und mit einer ekligen Sandschicht paniert.
Hirnriss … Das neue Wort musste er unbedingt aufschreiben. Ergun sprang aus dem Bett, knipste das Licht in dem kleinen Schrank mit der ausklappbaren Schreibtischplatte an und wühlte in seinen Heften herum. Aus dem zweiten Bett im Zimmer war ein Grunzen und Rascheln zu hören. Erguns älterer Bruder Cem drehte sich um und murmelte mit geschlossenen Augen: „Mach das Licht aus. Oder du bist tot, Alter!“
Neuerdings sprach Cem immer öfter wie ein Rapper oder ein Gangmitglied, was Ergun total bescheuert fand. Genauso wie sein Rapperoutfit mit Hängearschhosen und dem viel zu hohen Basecap. Lächerlich!
Cem hat recht, es wird echt Zeit für ein eigenes Zimmer. Oder für einen neuen Bruder, dachte Ergun und seufzte wieder leise.
„Moment. Ich will nur eben was nachsehen.“
„Ey! Mach die fuckin‘ Funzel aus!“
„Wie schreibt man ‚Hirnriss‘?“, fragte Ergun, der das richtige Heft nicht finden konnte. „Mit Doppel-S oder Eszett am Ende?“
Cem richtete sich mit kleinen Augen im Bett auf.
„Sag mal, bist du noch ganz dicht, Bro‘?“
„Was bedeutet ‚Bro‘?“, fragte Ergun, ohne aufzusehen. Er sammelte Worte. Denn für einen Türken, der so türkisch war wie ein Leberwurstbrötchen – jedenfalls behauptete das sein bester Freund Luis -, konnte es nicht schaden, jedes, aber auch wirklich jedes Wort zu kennen, das irgendjemand sagte. In so vielen Sprachen wie möglich. Das zu sammeln, war sein Ziel. Dafür waren die verschiedenen Schulhefte, in die er alles notierte. Eins für jeden Buchstaben. Ergun sammelte Wörter, ihre Aussprache, wo sie herkamen, einfach alles.
Aber jetzt konnte er das Heft für „H“ nicht finden, es war weg, verdammt!
„Nach dem langen Vokal Eszett, nach dem kurzen immer Doppel-S.“, sagt Cem und schmatzte verschlafen. „Du hast echt ’n Schaden, Kleiner, weißt du das?“
„Noch mal“, sagte Ergun, der Heft „H“ endlich gefunden hatte und nun nach dem richtigen Stift suchte. Der schwarze Kuli war für Deutsch.
„Was soll dieser Streberkram mitten in der Nacht?“, fragte Cem und gähnte.
„Du kennst doch die Eszett-Regel, wer ist hier der Streber?“, grinste Ergun zurück.
„Aber erzähl’s nicht in der Hood, Bro'“
„Was?“
„‚Hood‘ heißt Nachbarschaft, ‚Neighbourhood‘ abgekürzt auf Englisch … und Bro‘ ist die Abkürzung für Brother.“
„Englisch?“
„Jepp.“
„Ist ‚jepp‘ auch englisch?“
„Mann, du nervst vielleicht, Kleiner. Außerdem, wenn der Doc rauskriegt, dass du mitten in der Nacht in deinen Heftchen rumkritzelst, bekommen wir beide Ärger.“
Der „Doc“ war Doktor Serdal Dervis. Vater von Cem und Ergun, außerdem Arzt mit einer Praxis auf der anderen Seite der Kirche, keine hundert Meter Luftlinie entfernt. Der Doc war meist abwesend, oft in Gedanken, aber liebevoll im Umgang mit den Jungs. Er wurde nur streng, wenn es im Haushalt oder in der Praxis nicht nach seinen Regeln lief. Und davon gab es einige.
Ergun hörte nicht auf die Warnung seines Bruder. Er schrieb mit Schwarz das Wort vom Sportplatz auf, bezeichnete „Hinriss“ als Fluch „so ähnlich wie ‚Quatsch'“ und suchte dann nach dem roten Stift für die englischen Begriffe „Hood“ und „Bro“. Das waren zusammen mit „Amortisationsphase“ und der zweiten Bedeutung des Wortes „Gummi“ immerhin viereinhalb. Vier neue Worte und eine neue Bedeutung.
Nicht schlecht für diesen mäßigen Montag, dachte Ergun. Er knipste das Licht aus, als er alles aufgeschrieben hatte, kroch unter seine Decke und merkte erst jetzt, dass seine nackten Füße und die Beine eiskalt waren.
Tja, die Beine, dachte Ergun unter der Decke, als er immer noch nicht schlafen konnte.
„Cem?“
Keine Reaktion.
„Cehemmmm?“
Stille.
„Cemmi! … Cemmilein?“ Das half immer. Sein drei Jahre älterer Bruder hasste diese beiden Spitznamen, die ihm seine Mutter verpasst hatte.
„Was?!?“, hörte Ergun aus der Dunkelheit.
„Wie weit kannst du springen?“
„Schlaf jetzt, oder ich …“
„Ich meine Weitsprung“, unterbrach Ergun. Er bemühte sich, die nun folgende Frage ganz normal klingen zu lassen. „Schaffst du neun Meter?“
„Hast du sie noch alle? Kein Mensch springt neun Meter“, sagte Cem aus der Dunkelheit. Für ihn war Sport, egal, welcher Art, das Größte.
„Weltrekord im Weitsprung der Männer ist acht Meter noch was. Neun Meter schafft niemand. Jedenfalls nicht ohne Doping. Und jetzt schlaf endlich!“ Cem drehte sich absichtlich geräuschvoll im Bett um und nahm seinem kleineren Bruder den Mut, zu berichten, was ihm am Morgen passiert war.
Er war GEFLOGEN!
Komisch, dachte Ergun. Zwischen „beichten“ und „berichten“ ist der einzige Unterschied das kleine „r“. Obwohl die beiden Wörter eine völlig unterschiedliche Bedeutung haben. Berichten wäre, wenn ich Cem oder Luis einfach erzählen würde, was im Sportunterricht passiert ist. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass bei der Sache etwas nicht stimmt. Also wäre es wohl eher beichten, wenn ich meinem Bruder oder meinem besten Freund erklären würde, dass mit mir irgendetwas nicht stimmt.

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„DIE FABRY-PAPIERE“ – Kriminalroman (Itter-Krimi 3), Emons Verlag 2010

Vive ut vivas
Lebe, damit du leben mögest

Auf Wilhelm Fabrys Grabstein in Bern

Hanna Broder war merkwürdig gelassen für jemanden, der fünf Pistolenschüsse auf einen anderen Menschen hatte ertragen müssen. Sie fühlte sich erlöst.
Den gewaltsamen Tod eines Menschen mitzuerleben, und sei es ein überführter mehrfacher Mörder auf dem Weg zum Gericht, ist ein einschneidendes Erlebnis. Das wusste Hanna aus Erfahrungen, die sie im Laufe der Dienstzeit am eigenen Leib gemacht hatte. Erst als die Hauptkommissarin den Hasseler Forst Richtung Hilden durchquerte und die Stadtgrenze von Düsseldorf hinter sich ließ, atmete sie tief durch.
Konnte ich etwas dafür? Hätte ich es verhindern müssen? Nein. Für dieses Schuldgefühl bin ich definitiv nicht katholisch genug, dachte sie und öffnete das Fenster des dunkelblauen Opel Astra, den sie als Dienstwagen so leidenschaftlich verabscheute, wie man eine Sache nur hassen konnte. Kalte Luft fuhr ihr ins Haar und verwirbelte den Staub unzähliger Kollegen aus Teppichen und Polstern.
Wieso macht mir Striebeks Tod nichts aus? Bin ich so abgebrüht? Oder kommt der Schock erst noch? Hanna fühlte kein Mitleid mit dem Täter, der ihren Ex-Mann als Geisel genommen und sowohl ihn, als auch Hanna und den Kollegen Cocker fast getötet hatte. Sie durchsuchte ihr übermüdetes und überfordertes Gehirn nach Gefühlen, die sie nun bewegten. Keines davon hatte mit Genugtuung zu tun.
Die feuchte Waldluft roch würzig. Hanna ließ die Scheibe des Beifahrerfensters ebenfalls ganz in der Tür verschwinden. Der plötzliche Temperaturabfall würde sie wieder munter machen und auf andere Gedanken bringen, hoffte sie.
Vielleicht bin ich einfach nur erleichtert, dass Striebek endlich weg ist, dachte sie. Endgültig weg. Dieser Gedanke beunruhigte Hanna. Sie gab Gas, während sie auf der Lehne des Beifahrersitzes ein langes blondes Haar entdeckte. Ohne sich lange mit der Frage zu beschäftigen, von welcher Kollegin es sein konnte, klopfte sie mit der rechten Hand fest auf die Rückenlehne unterhalb des Haars. Eine beeindruckende Wolke aus Staub und undefinierbaren Kleinteilen wirbelten auf und wurde vom Wind aus dem Wagen gerissen.
Das gibt’s ja nicht, dachte Hanna. Sie war fasziniert, wie schmutzig der Wagen war und hieb erneut auf die Lehne. Eine zweite, nicht minder starke Wolke verteilte sich innerhalb von Sekunden in der Luft.
Wahnsinn.
Hanna schlug noch drei, viermal auf die Polster des Beifahrersitzes. Auf die Frage, ob sie wirklich nur vom Dreck fasziniert war und den Staub aus dem Stoff schlagen oder einem imaginären Gegner Schläge verpassen wollte, kam sie nicht. Ihr Telefon klingelte. Sie fummelte ihr iPhone aus der Lederjacke und erkannte den Anrufer als Werner Kürten, einem der Dienstgruppenleiter in der Hildener Polizeiinspektion Mitte. Gerade als sie das Telefon ans Ohr hielt, blitzte es rot.
»Scheiße!«, rief Hanna.
»Das beschreibt meine Situation hier vor Ort ganz gut«, antwortete die Stimme aus dem Telefon. Kürten klang extrem genervt. »Meuser latscht mir auf den Füßen herum, und ich stehe immer noch ohne dich auf dem Gelände der Sparkasse! Wo bleibst du?«
»Sorry, ich bin gerade geblitzt worden.« Hanna folgte einer Eingebung und dichtete diese Tatsache zu einer improvisierten Begründung um: »Weil ich es so eilig habe, zu euch zu kommen.«
Vor sich sah sie, wie jemand auf ihre Fahrspur trat und mit einer Kelle zum Anhalten winkte. Offensichtlich ein männlicher Schutzpolizist, jedoch ohne die erforderliche Dienstmütze, fiel Hanna auf.
»Wo bist du genau?«, wollte Kürten wissen.
»Hasseler Forst. Sag den Kollegen, dass ich es eilig habe«, verlangte Hanna. Sie legte das iPhone auf den Beifahrersitz. Das vermaledeite blonde Haar klebte immer noch an der Lehne. Sie griff sich das Blaulicht vom Armaturenbrett und setzte es auf das Dach des blauen Astra. Die Zeit reichte leider nicht mehr, es noch einzuschalten, denn sie raste bereits bedrohlich schnell auf den Polizisten zu.
Hanna wechselte auf die Gegenfahrbahn, die zum Glück völlig frei war. Doch anstatt in Deckung zu gehen oder an den Straßenrand zu treten, wie es jeder vernünftige Mensch tun würde, hielt der Beamte die Kelle wie ein Kruzifix vor sich und trat auf Hannas Fahrspur, als wolle er einen Vampir bremsen. In letzter Sekunde riss Hanna das Steuer herum und raste schleudernd und recht knapp auf der rechten Seite an dem Polizisten vorbei.
Das Letzte, was sie sah, waren die weit aufgerissenen Augen des offensichtlich noch sehr jungen Kollegen. Sein Gesicht kam ihr nicht bekannt vor.
»Verdammt!«, schrie Hanna erschrocken. Im Rückspiegel erkannte sie, wie der Beamte unverletzt von der Fahrbahn auf den Wanderparkplatz des Waldstückes stolperte. Die Kelle hatte den Vorfall ganz offensichtlich nicht überlebt. Ihre Plastiksplitter regneten auf die Straße. Hanna griff sich das iPhone vom Sitz und bellte hinein: »Bringst du den Frischlingen eigentlich nichts zum Thema Eigensicherung bei?«
Es dauerte einen Augenblick, bis Kürten antwortete.
»Wovon sprichst du?«
»Ich hätte den Knallfrosch, der mich anhalten wollte, gerade beinahe überfahren. Hab den noch nie bei uns gesehen. Ganz junges Gemüse …«
»Wir bilden nicht aus«, antwortete Kürten. Er klang beleidigt.
In diesem Moment sah Hanna im Rückspiegel, wie ein blausilberner Einsatzwagen mit Blaulicht vom Parkplatz auf die Landstraße einbog.
»Jetzt folgen die mir auch noch! Pfeif die Kollegen gefälligst zurück«, rief Hanna ins Telefon.
»Wir führen heute keine Verkehrskontrollen an der Hülsenstraße durch«, hörte sie Kürten sagen. Hannas nächster Blick fiel auf das Hildener Ortsschild.
»Oh, nein. Scheiße!«
»Du wiederholst dich.«
Kürten beendete die Verbindung. Hanna gab Gas und raste am Ortschild vorbei. Erst jetzt fiel ihr ein, das Blaulicht auf dem Dach einzuschalten. Als sie die Sirene hinter sich hörte, schaltete sie die eigene Sirene ebenfalls ein.
Hanna brauchte nicht in den Rückspiegel zu blicken, um zu wissen, dass der Streifenwagen, der ihr folgte, ein Düsseldorfer Kennzeichen trug. Auf die Idee, anzuhalten und die Lage zu klären, kam Hanna nicht. Erstens war es nicht mehr weit bis zum Gelände der gerade abgerissenen Sparkasse im Hildener Zentrum. Zweitens verlor Hanna nicht gern. Auch keine Verfolgungsfahrten, bei der sie die Verfolgte war.
Also rasten die beiden Wagen »in voller Montur«, wie es unter Kollegen hieß, mit Blaulicht und Martinshorn Richtung Innenstadt. Dass es sich um eine Verfolgung handelte, war dabei nur den unmittelbar Beteiligten klar. Für alle anderen sah es aus, wie ein eiliger Einsatz. Aus Hannas Sicht stimmte beides.

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„SEELENTÖTER“ – Kriminalroman (Itter-Krimi 2), Emons Verlag

Prolog – Margarete

»Ihre Grübchen … Es ist total süß, wenn Sie lachen, wissen Sie das? Wie heißen Sie? … Ein schöner Name … Wer, ich? Aber warum denn so förmlich, Kollegin? Wir sind hier quasi unter Freunden. Nennen Sie mich doch einfach …«

Samstag, 22. Dezember – 21:23 Uhr

Er würde ihr weh tun. Sehr weh.
Das war Maggy vollkommen klar.
Doch ihre verzweifelten Schreie waren bereits nach einer knappen Stunde in der Scheune einem zitternden Gewimmer gewichen. Für ein leicht übergewichtiges Mädchen, nur mit einem Slip bekleidet, ansonsten nackt und barfuß, war es in dem zugigen Bretterverschlag viel zu kalt.
Maggy fror erbärmlich und klapperte mit den Zähnen. Sie war mit Kabelbindern an eine Art Reling an der Karosserie einer Landmaschine gefesselt. Sie fürchtete, dass sie in dieser Nacht noch an mehr als nur der Kälte leiden würde. Und sie hatte panische Angst davor, dass ihr Peiniger wiederkommen würde. Etwas in der Art hatte er im Auto gesagt.
Dieser Typ, den sie ihren Freundinnen zuvor auf der Weihnachtsfeier im Lengeder Hof kichernd als »supersüß« beschrieben hatte. Der neue Kollege aus einer anderen Zweigstelle war keine der »Nieten« gewesen, über die die Mädels oft genug zu klagen hatten – Oh nein, er war weit schlimmer als das! Nicht nur einer der üblichen Fehlschläge, sondern eine Katastrophe, wie Maggy bereits auf dem Weg »zu ihm« herausfinden sollte.
Sie fiel auf ihre nackten Knie, rutschte in Richtung des fahlen Lichtstrahls, etwa anderhalb Meter entfernt, so weit ihre Handfessel an der verchromten Metallstange es zuließ. Doch als die Stange in der Dunkelheit am Rumpf der Maschine endete und Maggy zurückgerissen wurde, begann sie wieder zu wimmern.
Wie konnte ich nur so blöd sein und zu ihm in den Wagen steigen?, dachte Maggy verzweifelt.
Zu schön, um wahr zu sein, im Kollegenkreis den Traumprinzen zu treffen. Groß, gut aussehend und spendabel war er gewesen. Einer, der gut zuhören und gut tanzen konnte!
Natürlich gab es diese Art Männer. Doch sie waren immer nur Trabanten in Maggys Universum gewesen. Keiner von ihnen hatte jemals seine Umlaufbahn verlassen, um bei ihr zu landen. Sie war nur eine dicke unbeholfene Kuh, die nach dem dritten Pils zu laut lachte. Maggy hatte diesen Typ Mann nicht verdient, dessen war sie sich im Lauf der Jahre immer sicherer geworden. Besonders deshalb hatte sie ihr Glück während der zweieinhalb Stunden auf dem Fest kaum fassen können – bis der Traum zum Albtraum geworden war.
Sie war absolut high gewesen, trunken von Bier und Glück. Bis Martin – so hieß der Traumprinz – sich auf der Heimfahrt zur Beifahrerseite hinübergebeugt und »bitte recht freundlich« geraunt hatte. So, als wolle er ein Foto von seiner Eroberung schießen. Kurz zuvor hatte sein Handy geklingelt. Martin war rangegangen, hatte zugehört und einsilbig geantwortet. Nach dem Gespräch und »bitte recht freundlich« hatte es statt des Fotos gezischt, und irgend etwas Betäubendes war Maggy ins Gesicht gesprüht worden. Das Letzte, was sie hörte, war: »Wir sehen uns bald wieder, Darling. Und dann werde ich dich …«

Mit der freien Hand grub Maggy im Dreck unter der dünnen Schicht Stroh, die den Boden der Scheune bedeckte. Sie brachte keinen vernünftigen Gedanken mehr zustande. Die Angst hatte jede Klarheit in ihrem Kopf zertrümmert. Die Kälte besorgte den Rest. Martin hatte die Angestellte der Sparkasse Lengede bis auf einen kleinen Biss nicht weiter verletzt. Er hatte sie nur bis auf den Slip mit dem frivolen »Always Sundays! Sundays always!«-Motiv entkleidet und mit langen Plastikstreifen an das Ding in der Scheune gefesselt, zurückgelassen.
So hockte sie nun leise schluchzend auf ihren schrundigen Knien, den gefesselten Arm hochgereckt.
Umbringen, er wird mich umbringen, dachte Maggy. Dann ertastete sie mit steifen Fingern eine fast gefrorene Decke und griff danach. Sie wickelte sich ein, ohne das Kratzen der harten Wolldecke aus dem Kofferraum des Wagens zu spüren, in dem sie hierher gebracht worden war. Die Bisswunde unterhalb ihrer rechten Achselhöhle spürte Maggy nicht mehr. Sie weinte, hysterisch vor Glück über das unerwartete Geschenk der Decke. Kurz darauf, als die Kälte unbarmherzig weiter ihre Glieder hinaufkroch, erstarrte ihre Hoffnung und Maggy vergoss nur noch Tränen aus Angst und Verzweiflung.

Samstag, 22. Dezember – 22:46 Uhr

Er hatte improvisieren müssen, als der Einsatzbefehl via Handy gekommen war. Ursprünglich hatte er nicht vorgehabt, das Mädchen nackt in eine einsame Scheune abseits der Bundesstraße 444 zwischen Groß Lafferde und Groß Ilsede zu sperren.
Das mit dem Entkleiden von … wie heißt sie noch? Von Maggy war ein Fehler, dachte er. Schließlich liegt draußen Schnee! Doch es wird ja nicht lange dauern, bis ich wieder zu ihr komme. Und sie hat die Decke. Maggy. Was für ein bescheuerter Name.
Er war, zumindest seinen Maßstäben nach, kein Untier. Verlor nur manchmal die Kontrolle. Das hatte ihm vor einiger Zeit einmal fast das Genick gebrochen. Damals hatte er noch versucht, seine Neigung offen auszuleben. Doch einer der Frauen war das zu weit gegangen, und sie hatte sich gewehrt. So weit würde er es nie wieder kommen lassen. Nie wieder!
Er schnaufte, dann konzentrierte er sich, atmete ruhig und gleichmäßig durch seine Sturmhaube und wartete.
Draußen war es still, bis auf adrenalingetränkte Blut, das er durch seine Ohren rauschen hörte.
Als er wenige Minuten später das Signal »Go« über Kopfhörer vernahm, ließ er den beiden Kollegen mit der Ramme den Vortritt, dann folgte er ihnen ins Gebäude. Hinter ihm folgte Klaus.
Alle vier Männer waren hoch konzentriert. Adrenalin pur.
Die Sekunden später folgende Explosion war mörderisch. Ihre Druckwelle blies die vermummten Männer mit den Helmen und kugelsicheren Westen durch die Ziegelwand, nur wenige Meter neben der Tür. Inmitten von Steinsplittern und Mörtelstaub landete er hart auf dem Kopfsteinpflaster, immer wieder getroffen von umherfliegendem Schutt.
Er keuchte und bekam keine Luft mehr. Seine intuitive Bestandsaufnahme ergab keine ernsthaften Verletzungen, bis auf einen leichten Schmerz in der linken Schulter, auf die er besonders hart gefallen war.
Über Kopfhörer und um ihn herum waren Schreie und Kommandos zu hören. Ein totales Durcheinander.
Er war gerade erst hustend auf die Knie gekommen, als eine zweite, viel stärkere Explosion das Gebäude aus Backstein und Holz östlich der Stahlwerkbrücke von Peine endgültig in seine Bestandteile zerriss.
Dieses Mal hatte er nicht so viel Glück. Ein fast zwei Meter langes Stück Dachbalken flog trudelnd auf ihn zu. Das schwere Stück massiver Eiche zertrümmerte seinen Unterkiefer, bevor er auch nur blinzeln konnte. Nur der Helm verhinderte seinen sofortigen Exitus.
Für ihn, der mit körperlichem Schmerz anderer Menschen, aber auch dem eigenen Schmerzempfinden einen lustvoll erotischen Vertrag abgeschlossen zu haben glaubte, war dies eine völlig neue, einschneidende Erfahrung.
Wie Feuer! dachte er gurgelnd hustend, Blut, Zähne und Knochensplitter auf seine Montur und den Boden spuckend. Immer wieder dachte er an Schmerzen aus Feuer, bevor er, an weiteren Stellen seines Körpers blutend, endlich das Bewusstsein verlor.
Nur dem Umstand, dass die Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie des Klinikums Peine weniger als vier Kilometern entfernt lag und einen ausgezeichneten Ruf genoss, war es zu verdanken, dass die »Feuerschmerzen!« nicht sein letzter Gedankenfetzen sein sollte.

Für Margarete Zitschenreuter, genannt »Maggy«, die Angestellte aus Lengede, bedeutete dieser gründlich misslungene Einsatz des Spezialeinsatzkommandos jedoch den sicheren Tod. Denn außer ihm, der sich Maggy gegenüber als »Martin« vorgestellt hatte, kannte niemand den Aufenthaltsort der nackten jungen Frau.

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„DER BRUCH“ – Jugendroman, Thienemann

Klaus wird den Bruch machen, das weiß ich. „Wenn du eine Sache anfängst, musst du sie auch durchziehen!“
Seine Worte. Er sagt diesen Satz oft und meint es ernst. Denn mein Vater meint immer alles völlig ernst. Zum ersten Mal habe ich den Spruch gehört, als er mir das Fahrradfahren beigebracht hat. Nach dem dritten Sturz wollte ich aufhören. Meine Ellenbogen und Knie waren total zerschrammt. Blutig! Das linke Hosenbein hatte sogar ein Loch. Doch Klaus hat nicht zugelassen, dass ich absteige und aufgebe. Oh nein, nicht mein Vater!
Als ich mit Rotznase und Tränen in den Augen endlich zehn Meter auf dem verdammten Kinderrad ohne Stützräder geradeaus fahren konnte, hat Klaus mich vom Rad in die Luft gehoben. Über seinen Kopf, ganz hoch. Dann hat er mir mit seinem Ärmel den Schnodder abgewischt, mich geküsst und gedrückt, bis ich kaum noch Luft bekam. So stolz war er auf mich. Das weiß ich heute, weil er es mir erzählt hat. Ich war damals erst vier und habe ihn gehasst. Dafür, dass er mich gezwungen hat auf diesem kleinen Scheißrad sitzen zu bleiben, bis ich fahren konnte.
Heute macht mir auf dem Bike keiner mehr was vor. Irgendwie hat Klaus also recht behalten.

Dieses Mal wird Klaus es also wieder durchziehen. Bis zum bitteren Ende. Woher ich mir so sicher sein kann? Ganz einfach, mein Vater war schon einmal im Knast, deshalb! Das ist der Grund, warum ich mich an die Episode mit dem Fahrrad so gut erinnere. Es war das Letzte, was wir zusammen gemacht haben. Denn kurze Zeit später war Klaus weg vom Fenster, komplett aus meinem Leben verschwunden. Mama hatte es nur gut gemeint und wollte mich „vor seinem schlechten Einfluss“ schützen, hat sie mir später erklärt. Aber es ist schon seltsam, einen Vater gekannt zu haben, der auf einmal nicht mehr da ist. Und dafür einen Wolfgang zu bekommen, der bei uns einzieht, als ich gerade sechs wurde, und den ich plötzlich „Papa“ nennen sollte.
Im Knast habe ich Klaus nie besucht. Mama wollte das nicht. Sein Gefängnis war irgendwo in der Nachbarstadt und wir hatten kein Auto. So ähnlich hat sie es begründet, und ich habe ihr natürlich jedes Wort geglaubt. Dass man mit dem Bus bis vor den Haupteingang fahren konnte, hat Klaus mir erst später erzählt. Als er schon lange wieder aus dem Gefängnis raus und Mama und Klaus geschieden waren. Ich war total naiv und habe den beiden viel zu viel geglaubt. Heute ist das anders, aber einfacher wird es dadurch nicht. Klaus hat eine eigene Wohnung im Zentrum der Stadt. Ich gehe ihn oft besuchen. Wir unternehmen auch viel. Allerdings immer nur zu zweit, denn Mama, Wolfgang und Klaus verstehen sich nicht besonders gut. Wir haben mal einen Ausflug in den Zoo zusammen gemacht, da haben sich Wolfgang und Klaus vor dem Pinguinbecken fast geprügelt. Mama und meine Schwester Claudi haben geheult. Seitdem hat Claudia sogar Angst vor Klaus. Weil der so gruselig ausgesehen hat, als er wütend war, sagt sie.
Seitdem bin ich lieber allein mit Klaus unterwegs. So Babyzeug wie Zoo oder Kirmes ist sowieso nicht mehr mein Ding. Wenn ich sechzehn werde, will Klaus mit mir Bier trinken gehen. Richtig in einer Kneipe! Natürlich nur, wenn ich Mama nichts davon erzähle. Da ich ab und zu bei Klaus übernachten darf, wenn es spät wird, mit DVDs gucken oder so, wird sie nichts davon mitbekommen, wenn Klaus und ich mal so richtig einen Saufen gehen. Nächsten Sommer ist es so weit. Ich freue mich total darauf! Obwohl ich natürlich schon Bier getrunken habe, ist ja klar. Aber nur heimlich mit Acki. Wenn meine Eltern oder Klaus das rauskriegen würden, – ich darf gar nicht drüber nachdenken. Außerdem ist es natürlich was völlig anderes, sich hinter der Schule am Teich eine warme Flasche Pils aus dem Supermarkt zu teilen, als mit seinem Vater eine richtige Kneipentour zu machen. Aber rauchen darf ich trotzdem nicht. Auch nicht, wenn ich sechzehn bin, das hat Klaus mir schon gesagt.
„Wenn ich dich beim Rauchen erwische, trete ich dir in den Hintern, bis dir die Scheiße aus den Ohren spritzt!“
Solche Sachen sagt Klaus manchmal. Ich muss dann immer lachen, obwohl er mir mit diesen Sprüchen in Wirklichkeit tierische Angst einjagt. Denn seine Lippen werden ganz schmal und seine Augen bekommen einen kalten Glanz. Wenn er wüsste, dass ich ab und zu schon an einem der Joints ziehe, die bei uns die Runde machen – nee, darüber denke ich lieber nicht nach.

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„DOPPELTES RISIKO“ – Jugendkriminalroman, Thienemann (Labyrinthe-Krimi 4)

Auch beim Leseportal Antolin.de im Quiz!

1.

° ich mache nicht mehr mit ich bin raus °
* aber wieso denn *
° weil das total °
* bella vorsicht *
Der Wagen war aus der Seitenstraße gekommen. Isabella hatte keine Chance. Sie prallte ungebremst auf die Fahrerseite des Autos, wurde zurückgeschleudert und schlug mit dem Kopf auf den Boden.
Dieser Moment brannte sich Antonia wie in Zeitlupe ein: die geschürzten Lippen und geschlossenen Augen ihrer Schwester Isabella, die über den Lenker des Fahrrads fliegt und auf den weißen Kleinbus knallt.

„Und du hast keine Ahnung, was für ein Auto das war?“, fragt eine Stimme. Antonia starrt auf den Fleck auf der Straße. Nicht wirklich rot, eher dunkelbraun, fast schwarz. Das Blut ihrer Zwillingsschwester. Es versetzt Antonia einen Stich, zusehen zu müssen, wie ein Feuerwehrmann etwas aus einem Papiersack darüberschüttet, das wie Katzenstreu aussieht und den Fleck mit einer staubigen Schicht bedeckt. Dann kommt ein anderer Feuerwehrmann mit einem Besen.
Ein Besen!
Ey, hör sofort auf! Das ist das Blut meiner Schwester!, will Antonia schreien. Doch die uniformierte Beamtin dreht Antonias Kopf ganz sanft zu sich, indem sie ihr Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger nimmt. Die Hände der Polizistin riechen gut, nach irgendeiner Creme, die Antonia kennt. Sie blinzelt. Weil sie nicht darauf kommt, woher ihr der Geruch bekannt vorkommt.
„Antonia, du musst mir bitte einen Moment lang zuhören und antworten“, sagt die Frau.
„Was ist das für eine Creme?“, fragt Antonia.
„Bitte?“
„Die riecht so gut. Was ist das?“
Die Beamtin sieht irritiert auf ihre Hände. Als sie Antonia wieder anschaut, ist die weg. Nein, nicht verschwunden, sondern ohnmächtig von der kleinen Backsteinmauer gerutscht, auf das Polizeimeisterin Stefanie Schäfer die Zwillingsschwester des Unfallopfers gesetzt hatte, damit nicht passiert, was nun doch geschieht: Antonia Clara Cardascia sinkt bewusstlos zu Boden. Die Beamtin springt auf und ruft den Notarzt, der kurz zuvor erklärt hatte, dem Mädchen gehe es für eine erste Vernehmung vor Ort gut genug.
Der Mann kann sich auf was gefasst machen!, denkt die Polizistin besorgt.

2.
Gloria saß auf dem Sofa und starrte vor sich auf den Boden. Die unregelmäßigen Stücke Carrara-Marmors verschwammen vor ihren Augen. Der Boden im Haus war der ganze Stolz ihres Ex-Mannes gewesen. Als er noch dort gewohnt hatte.
Kurz zuvor hatte Hans „Ich komme sofort!“ gerufen und die Verbindung unterbrochen. Als würde das etwas ändern. Neue Tränen verschleierten Glorias Augen. Die beiden Beamten im Wohnzimmer wippten unbehaglich auf den Absätzen. Der größere Polizist mit den rötlichen Haaren nickte ihr auf eine Art zu, die sie noch hoffnungsloser machte. Obwohl das sicher nicht seine Absicht war.
„Kommen Sie“, sagte er leise. Doch für Gloria klang diese vorsichtige Aufforderung wie ein laut gerufener Befehl. Wie der letzte Ruf vor ihrer eigenen Hinrichtung. Denn sollte eins der Mädchen sterben, Gloria wüsste nicht, wie sie weiterleben könnte.
„Sagen Sie mir doch was. Irgendetwas!“, flehte sie.
„Wir wissen selbst nichts Näheres“, antwortete der kleinere Beamte. Er sah unglücklich aus. Was Gloria schlagartig wütend machte, denn schließlich lagen IHRE Töchter im Krankenhaus!
„Ehi idioti, che cosa aspettate ancora?“, schoss sie eine Salve auf die verblüfften Beamten ab, sprang auf und eilte in den Flur, um Schuhe und Jacke zu holen. Den „Idiot“ in „Worauf wartet ihr Idioten denn noch?“ schienen die beiden nicht verstanden zu haben. Falls doch, ließen sie es sich nicht anmerken. Sie behandelten Gloria auf dem Weg ins Krankenhaus mit Respekt und Einfühlungsvermögen.

3.
„Wie?“, fragte die Frau erneut und sah über den Rand ihrer Brille. Selten dämlich sah sie aus, fand Gloria und wiederholte: „Cardascia!“
„Wie schreibt man das?“, wollte die Frau am Empfang wissen.
Wie man’s spricht, war Gloria versucht, ihren Standardscherz auf diese häufig gestellte Frage zu machen. Aber nach Scherzen stand ihr nicht der Sinn. Schließlich lagen irgendwo hier in der Klinik ihre Töchter! Also buchstabierte sie geduldig: „C – A – R – D – A – S – C – I – A“
„Momentchen, nicht so schnell …“
Gloria sah erst rot, als die langsamste Rezeptionistin der Welt in ihrem Glaskasten mit hochgezogenen Augenbrauen und Blick auf den Monitor ihres Computers murmelte: „Kadascha… ts, das würde ich aber anders schreiben.“
„WO SIND MEINE TÖCHTER?!“
Die Rezeptionistin zuckte zusammen und beeilte sich, der Furie vor dem Tresen die gewünschte Antwort zukommen zu lassen.
Laut ihrer Auskunft lag Isabella auf der Intensivstation und Antonia auf einer normalen Station. Gloria spurtete durch die Vorhalle des Krankenhauses. Sie hatte bereits entschieden, dass sie sich zuerst nach Bellas Zustand erkundigen würde. Die Beamten hatten ihr wenigstens versichern können, dass Toni nicht verletzt und nur wegen des Schocks umgefallen war. Außerdem war Antonia die robustere der beiden Mädchen, drei Zentimeter größer und knapp drei Stunden älter als Bella, Glorias Sorgenkind.

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„TÖDLICHE STILLE“ – Kriminalroman (Itter-Krimi 1), Emons Verlag

I. WASSER

Montag, 13. November 2006 – 14:30 Uhr

Die Bahn hielt an, Türen öffneten sich zischend, und Hanna brach der Schweiß aus. Trotz der eiskalten Winterluft.
Sitzenbleiben. Weiterfahren. Ich kann nicht aussteigen, nicht jetzt. Ich hätte überhaupt nicht einsteigen sollen!
Hanna nahm einen Schluck vom kalten Rest ihres Milchkaffees, klammerte sich an den Pappbecher und starrte durch das zerkratzte Fenster der S-Bahn Linie sieben. Flecken aus schmutzigem Schnee und gestreuter Schlacke bedeckten das Verbundsteinpflaster des Bahnsteigs. Der Kaffee war Gift für Hannas unruhigen Magen und verstärkte das brennende Gefühl in ihrem Bauch. Die Nervosität eines Schulmädchens vor dem ersten Auftritt in der neuen Klasse. Automatische Türen begannen zu piepen. Jetzt oder nie.
Ich kann nicht raus. Nicht aufstehen. Kann ich sitzen bleiben? Bitte!, flehte das verängstigte Kind in der Brust einer erwachsenen Frau. Doch Kommissarin Hanna Broder biss die Zähne zusammen, nahm ihre Reisetasche vom Sitz und machte, dass sie aus der S7 kam, bevor der Zug endgültig abgefahren war.
Letzte Chance vor der Endstation.
Die Uhr unter dem Holzdach des Bahnsteigs war bereits vor langer Zeit um kurz nach halb neun stehen geblieben. Ungefähr zu dieser Zeit war Hanna am Morgen in ihrer niedersächsischen Heimatstadt Peine in den Regionalexpress Richtung Hannover gestiegen. Julian hatte Schule, deshalb war er nicht zur Verabschiedung gekommen. Wenigstens hatte Hannas Exmann Frieder sie zum Abschied in den Arm genommen und ihr viel Glück gewünscht. Kein Kuss, diese Zeiten waren vorbei.
Hanna sah sich unschlüssig um. Ihre Hand umschloss den kleinen Schlüsselanhänger mit dem Hildener Stadtwappen. Ein Fluss trennte das Zahnrad diagonal von der Sichel. Obenauf drei Türme. Dominierende Farben waren grün und rot. Hanna hatte an Hoffnung und Blut gedacht, als sie den Anhänger von Frieder geschenkt bekam. Beides sollte später eintreten, doch das konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. Frieder hatte den Anhänger für Hanna nur als Abschiedsgeschenk und Gag bei eBay ersteigert und ihr auf dem Peiner Bahnhof mit einem verschmitzten Lächeln überreicht.
»Kann es sein, dass ihr Jungs mich überhaupt nicht vermissen werdet?«, hatte Hanna scherzhaft gefragt.
»Julian und ich werden uns jeden Tag weinend in den Armen liegen«, hatte Frieder im gleichen Ton geantwortet und Hanna mit einem Grinsen in den Arm geschlossen. »Mach’s gut.«
Bevor Frieder ihre Tränen sehen konnte, hatte Hanna die Tasche in den Zug geworfen und war aus dem Leben der beiden Männer verschwunden, die ihr mehr als alles andere auf der Welt bedeuteten. Ohne sich noch einmal umzusehen. Das bereute sie nun.
Wie konnte ich das tun? Wie zum Teufel konnte ich nur?
Die Versetzung war nicht allein Hannas Idee gewesen. Als man sie vor vollendete Tatsachen stellte und alle Formulare unterzeichnet waren, überwand sie das Gefühl, vom Leben schon wieder betrogen zu werden. Hanna akzeptierte den neuen Job in Nordrhein Westfalen. Sie nahm es hin. Ihre Scheidung war seit drei Monaten durch. Zwei Monate früher hatte sie bereits die gemeinsame Wohnung geräumt und war in ein Apartment am Peiner Marktplatz gezogen. Ständig wechselnde Dienstzeiten und häufige Doppelschichten hatten Frieder bereits vor Jahren zur ersten Bezugsperson für Julian werden lassen. Auch wenn der Junge stolz darauf war, dass seine Mutter bei den Bullen war, konnte nichts darüber hinwegtäuschen, dass Hanna wie ein Gast, wie eine Fremde neben Julian und Frieder hergelebt hatte. So lange, bis ihr Mann die Notbremse gezogen und um Scheidung gebeten hatte. Nicht einfach nur Trennung – Scheidung.

Hanna durchquerte mit geschulterter Reisetasche den gekachelten Gang zum ungepflegten Bahnhofsgebäude und trat zwischen Baustellenzäunen und Graffitis durch den Haupteingang ins Freie. Auf den ersten Blick machte die Stadt nicht den besten Eindruck. Hinter einem mit Schneematsch bedeckten Platz, auf dem alte Kastanien und Platanen standen, waren Mehrfamilienhäuser aus den Zwanzigern und Dreißigern in liebloser Mischung mit Stahlbeton aus den sechziger bis achtziger Jahren zu erkennen.
Hanna setzte sich nicht in eine der Taxen vor dem Bahnhofsgebäude, sondern folgte ihrem Instinkt in Richtung Zentrum zu Fuß. Die Wache lag am Ende – »oder am Anfang der Fußgängerzone. Je nachdem, ob man Optimist oder Pessimist ist!«, hatte der Kollege ihr am Telefon erklärt und gelacht. Polizeiobermeister Kürten hörte sich nett an, dennoch fielen Hanna für den neuen Job nur Flüche ein, die sie sich seit der Geburt von Julian vergeblich abzugewöhnen versucht hatte.
Wie immer, wenn sie traurig oder ängstlich war, ging Hanna einfach drauflos. Kein Joggen, kein Walken oder Rennen, nicht einmal Spazieren oder Wandern. Hanna lief weder davon, noch rannte sie irgendwo hin. Sie ging. Die ruhige Regelmäßigkeit dieser Bewegung hatte ihr schon oft aus der Depression geholfen und ihre Gedanken befreit.
Die unspektakuläre Auflösung ihres lieblos eingerichteten Apartments in Peine hatte Hanna nachdenklich gestimmt und traurig gemacht. Bis auf ein paar wertlose Ikeamöbel waren ganze drei Umzugskartons mit persönlichen Sachen übriggeblieben, die nun übergangsweise bei Frieder im Keller standen. Dinge bedeuteten Hanna nichts. Auch Hannas Kleiderschrank war nicht besonders umfangreich ausgestattet. Ihre schwere Statur in Kombination mit den Anforderungen des Jobs hatte Hannas Kleiderstil beeinflusst. Nichts war elegant oder gar mondän an ihren Klamotten. Dunkle Farben, Jeans, groß karierte Flanellstoffe und viel Leder.
»Zeug, mit dem du dich jederzeit auf den Boden unter ein Auto legen und es reparieren kannst«, hatte Frieder oft gefrotzelt. Hanna hatte nie verstanden, dass daran etwas falsch sein sollte.
»Wenn du auf die Ballprinzessin in Pumps und Minirock stehst, hättest du mich nicht heiraten sollen!« Damit hatte sie leider Recht behalten.
Der Fußmarsch durch die Poststraße war kurz. An der Einmündung zur Berliner Straße ignorierte Hanna die Fußgängerampel. Sie beeilte sich, über die Fahrbahn zu kommen, ohne auf einem der festgefahrenen Schneeflecken auszurutschen. Dabei brach ihr wieder kalter Schweiß aus, und sie ärgerte sich über ihre Kurzatmigkeit. Außerdem überkam Hanna auf einmal ein kaum noch erträglicher Durst.
Das Rheinland soll dafür bekannt sein, dass an jeder Ecke ein Büdchen steht, dachte sie. Wo sind diese Dinger, wenn man eins braucht?
Weit und breit nichts zu sehen, doch ihr Instinkt ließ Hanna nicht im Stich. Hinter einem verschneiten Grünstreifen war die Fassade eines modernen Gebäudes zu erkennen. Hanna überquerte eine Fußgängerbrücke aus Holz, ohne auf das unter ihr fließende Wasser zu achten, das der Stadt ihren Beinamen verlieh. Erst, als sie die Brücke überquert hatte, bemerkte sie den schweren würzigen Duft der Itter. Der Durst trieb Hanna zwischen dem Hintereingang des Steinhäuser Centers und der Rückseite der Stadthalle hindurch, zielstrebig auf den Beginn der Fußgängerzone zu, mitten durch das Herz der Hildener Innenstadt.
Mit einer viel zu kalten Dose Cola aus der ersten Pommesbude, die Hanna gefunden hatte, in der Hand, und mit ihrer abgewetzten Reisetasche aus Leder über der Schulter, durchquerte sie die Mittelstraße. Zwei Dinge fielen ihr auf: Diese Fußgängerzone schien sehr lang für eine mittlere Kleinstadt von knapp sechzigtausend Einwohnern zu sein und sich fast durch die gesamte Innenstadt zu ziehen. Das Zweite war die Tatsache, dass Filialen großer Ladenketten auch hier ihren Einzug gehalten hatten. Mehr noch als in ihrer Heimatstadt Peine hatten die Filialisten und Franchise-Unternehmen sich dieser attraktiven Einkaufsmeile bemächtigt. Nur wenige Familienunternehmen schienen das Hauen und Stechen um die besten Ladenlokale der Stadt überstanden zu haben.
Nach dem Angriff mit Milchkaffee begann sich Hannas Magen nun vehement gegen die eiskalte Cola zu wehren. Immer wieder musste sie stehen bleiben und sich den rumorenden Magen halten. Die robuste und, wie ihre Mutter sie wenig liebevoll nannte, »stabile« Hanna fühlte sich schwach und kraftlos. Kein bisschen stabil, im Gegenteil. Als sie sich die ganze Strecke durch die Einkaufsstraße bis zum Kaufhaus Hertie vorgearbeitet hatte, wischte sie sich den kalten Schweiß von der Oberlippe und krümmte sich, da ihr ein erneuter Blitzschlag in die Gedärme fuhr.
»Ist Ihnen nicht gut?«, erkundigte sich eine blauhaarige Seniorin und legte Hanna besorgt eine Hand auf die Schulter.
»Doch«, stöhnte Hanna, »mir scheint die Sonne aus dem Arsch, sieht man das nicht?«
»Unerhört!« Die Alte ergriff die Flucht in die Richtung, wo die Fußgängerzone offensichtlich endete. Hanna sah sich um. Ein Kaufhaus. Eine Kirche. Keine Polizeiwache.
»Entschuldigung, wo finde ich die Polizeiwache?«, wandte sich Hanna an zwei gelangweilte Kids, die eher für Hochsommer gekleidet waren und auf einer Parkbank hockten. Trotzig bliesen die beiden zittrige Rauchschwaden in die eisige Luft, statt zu antworten.
»Seid ihr taub? Ich habe euch was gefragt.«
»Ey, dat war echt nich‘ nett mit der alten Frau«, grinste der Kleinere mit blauen Lippen.
»Aber cool«, paffte der andere und zitterte.
»Warum friert ihr euch hier den Hintern ab?«, wollte Hanna wissen.
»Bei Hertie dürfen wir nich‘ mehr rein.«
»Hausverbot?«
»Mhm«, nickte der Kleinere.
»Da hammwer mal geklaut«, grinste der, dem ein dunkelblaues Basecap viel zu hoch auf dem Kopf stand.
»Stehst du auf die Nicks?«, fragte Hanna und kam sich plötzlich furchtbar blöd vor. Doch ihre Mütterlichkeit siegte, und die Jungs taten ihr leid, da biederte man sich schon mal an.
»Hä?« Der Kopf mit der blauen Kappe und dem »N« und dem »Y« über dem Schirm beugte sich vor, als hätte er Hanna akustisch nicht verstanden.
»Deine Kappe … die Basketballmannschaft … New York Nicks?« Eine peinliche Pause entstand, in der sich die eine Mannschaft fragte, was will die Alte?, während die andere Mannschaft gegen den Gedanken kämpfte, dass nur wenige hundert Kilometer entfernt ihr eigener Junge ebenfalls in irrsinnig leichter Coolkleidung kettenrauchend herumstreunen konnte.
Auf dem absteigenden Ast, dachte Hanna und nahm dem Größeren die Zigarette aus der Hand, denn seine Kippe war länger als die des Kleinen, der kaum dreizehn Jahre alt sein konnte.
»Hee!«, lamentierte der Bestohlene und sprang auf.
Doch während sie den Filter der Kippe abriss und in die Fußgängerzone schnippte, fragte Hanna: »Wo finde ich denn nun die Bullen?«
»Die müssen dich gleich vom Boden aufwischen, fette Lady!«, geiferte der Große und sprang auf die Füße. »Wenn ich mit dir fertig bin, bist du Matsch!« Er war dünn und lang, ein Lulatsch. Mindestens drei Köpfe größer als Hanna.
Goofy im Rapper-Outfit, dachte sie, kniff die Lippen zusammen, um nicht zu lachen, und trat zwei Schritte zurück. Der Kleine auf der Bank fletschte grinsend die Zähne über seinen blauen Lippen und hockte sich auf die Lehne, um besser sehen zu können. »Niemand schubst meinen Freund ‚rum! Ey, Harun, zeig’s ihr, Alter!«
Harun umkreiste Hanna und bedeckte sie gestikulierend mit einem Schwall deutsch-türkischer Schimpfworte, Drohungen und Flüche. Der Junge auf der Bank grinste, offensichtlich war dieser aggressive Rap Musik in seinen Ohren. Er zog den Schirm seiner Kappe nach hinten – da lag Harun bereits auf dem Boden und krümmte sich.
»Ey, was ist los, Alter?« fragte sein Freund. Den blitzschnellen Treffer von Hannas rechter Hand auf den Solarplexus des Gegners hatte er nicht mitbekommen. Hanna zog den Jungen von der Bank. »Wie heißt du?« Sie drehte den Jungen zur Hausfassade hinter der Bank.
»Norbert«, kam es kläglich zurück. Hanna drückte seine Hände an die Wand und trat seine Beine auseinander, um ihn zu durchsuchen.
»Also, Norbert. Wo ist denn nun die Polizeiwache?« Hanna blies ihm den Rauch der Kippe ins Gesicht. Ihre Hände tasteten Norbert routiniert ab. Sie nahm das Butterflymesser, das Softpack mit den restlichen vier Marlboros, einem kleinen Klumpen Shit und einem Feuerzeug darin. Dann ging sie in die Richtung, die Norbert ihr gewiesen hatte. Rechts um das Schuhgeschäft in die Kirchhofstraße. Doch vorher rammte sie die Messerklinge vor Norberts Augen in eine vom Schnee befreite Fuge im Pflaster vor der Bank und brach die Klinge mit einem trockenen »Klack« im Boden ab.
»Wir sehen uns. Und nächstes Mal hast du besser kein Messer bei dir, kapiert?«
Norbert schluckte trocken und nickte wortlos.
»So, und jetzt hilf deinem Kumpel.«
Der weinende Junge am Boden tat ihr nicht leid.
Vielleicht bin ich mit Julian zu hart gewesen. Vielleicht ist es das, was Frieder stört. Ich bin keine sanfte Mutter. Eine gute vielleicht, aber sicher nicht sanft, dachte Hanna und wusste, dass sie sich etwas vorzumachen versuchte. Denn Frieder war ein Egoist. Und sie keine Tussi. Die Frage, ob sie eine gute Mutter war, machte ihr dennoch zu schaffen. Besonders die Tatsache, dass Frieder nun allein für ihren Sohn verantwortlich sein sollte, bis das Gericht zu einer Entscheidung gekommen war. Auch wenn die neue Situation keine gravierende Änderung bedeutete – Hanna war fast nie zu Hause gewesen – machte sie sich dennoch Sorgen, ob Frieder dieser Aufgabe gewachsen sein würde.
Im Gehen zerbröselte Hanna das Piece aus der Zigarettenpackung und ließ die Krümel auf den Bürgersteig rieseln. Dann roch sie an Daumen und Zeigefinger ihrer rechten Hand.
Lecker!, dachte sie und lutschte an den harzigen Fingern. Keine Sekunde lang schaltete Hanna die Antennen ab, die den Raum hinter ihr beobachteten. Norbert und Harun konnten jeden Moment hinter ihrem Rücken auftauchen und versuchen, ihr mit einem Ziegelstein oder einem Eisenrohr den Schädel zu spalten. Sie wusste, dass Grausamkeiten dieser Art jeden Tag in deutschen Städten passierten. Auch am hellichten Tag in Kleinstädten. In zehn Dienstjahren wuchsen einem Beamten der Polizei unweigerlich diese Art von Antennen. Ihre Zeit in der Mordkommission hatte Hannas Empfänger auf eine kaum noch erträgliche Empfindlichkeit eingestellt.

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„VERLOREN IM NETZ“ – Jugendkriminalroman, Thienemann/Carlsen (Labyrinthe-Krimi 3)

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DAS ERSTE MAL

Verdammt, wie lange brauchen die denn? Ich halte es nicht mehr aus, springe von Johans Bett und sehe aus dem Fenster – nichts. Irgendetwas liegt in der Luft, das spüre ich. Es ist mehr als die schwüle Hitze. Ich werfe mich wieder auf Johans Bett und starre in die GALA, um den Schrott zu lesen, der drinsteht, denn die Bilder kenne ich schon auswendig. Tic Tac Toe ist wieder zusammen, ich fasse es nicht. Johan hat das Zeug der Mädels gehört, als ich noch klein war. Den idiotischen Streit von damals habe ich erst gestern als Wiederholung im Fernsehen gesehen. Die Mädels waren so peinlich, als sie auf der Bühne ausgerastet sind. Eine Schande, aber was rege ich mich auf? Ich bin auch schon ausgerastet, wenn auch nicht auf einer Bühne vor hunderten von Journalisten mit Kameras. Im Moment würde ich auch am liebsten aus der Haut fahren. Ich schwitze fürchterlich! Außerdem ist es wirklich ekelhaft, was sich die Schwachköpfe dieser Klatschzeitung ausdenken, um ihr Blatt unter die Leute zu bringen. Ja, ja, ich fluche schon wieder, aber es ist kaum auszuhalten, was für ein Stuss unter diesen Paparazzibildern steht.
Mein Name ist Bo und ich will Journalistin werden. Allerdings werde ich eine gute!
Natürlich bin ich auch sauer, weil die Abholung des neuen Wagens meines Bruders so lange dauert. Dass Johan mir nicht verraten wollte, was er sich letzte Woche für ein Auto gekauft hat. Weil ich ihn verarscht habe, als er durch die erste praktische Prüfung gefallen ist. Unser Verhältnis war in den letzten Wochen nicht das Beste. Jetzt, so kurz vor den Ferien sind wir beide ziemlich im Stress.

Wenn Johan wüsste, dass ich auf seinem Bett liege, die GALA unserer Mutter zerfleddere und dabei seine Erdnussflips mampfe, die der Idiot immer wieder an derselben Stelle versteckt – na ja, dann würde er mich vermutlich durch die Bude jagen und, wenn er mich kriegt, was sehr unwahrscheinlich ist, weil ich viel schneller und vor allem gemeiner bin als er, – also dann würde er mich wieder auskitzeln, bis ich vor Lachen kotzen muss. Das hat Johan schon gebracht, obwohl Lars danach einen Riesenaufstand wegen des Teppichs gemacht hat. Lars ist mein Vater, er wird nicht gern beim Vornamen genannt, aber eine fast Sechzehnjährige sagt doch nicht mehr „Papa“, oder?

Noch ein Blick aus dem Fenster. Der Idiot von Gegenüber führt seinen Hund zum Kacken auf die Wiese des Nachbarn, vielleicht gibt es dort bald wieder Streit. Ansonsten ist alles ruhig, viel zu ruhig für meinen Geschmack. Ich schwitze und schnuppere an meinem Top, doch das ganze Zimmer riecht nach Erdnüssen. Viele von den Flipps sind auf Johans Bett verstreut. Auf jeden Fall zu viele für meinen Bruder, den Pingel, aber Saubermachen oder Duschen kommt jetzt überhaupt nicht in Frage. Nicht, bevor Johan endlich mit seinem neuen Wagen hier aufkreuzt.
Neugier war immer schon meine größte Schwäche, daher auch mein Berufswunsch. Investigativer Journalismus ist genau das Richtige für mich. Die Minustitte von Mathelehrerin (Namen werde ich keine nennen!), behauptet, ich benutze Worte „wie Waffen“. So ein Schwachsinn! Fluchen ist meine zweitgrößte Schwäche, das ist alles.

Ich schlendere betont lässig ins Wohnzimmer, wo Senta am Bügelbrett schwitzt. Nein, das ist nicht unser Schäferhund, so heißt meine Mutter. Sie glättet mit dem Dampfbügeleisen die weißen Hemden ihres Mannes bei fast dreißig Grad im Schatten. Schüttelt den Kopf, ohne aufzusehen und ich weiß, dass ich verloren habe, als ich frage: „Ein normales Auto? Oder ein Kombi?“
Stilles, schwitzendes Bügelschweigen.
„Ein Neuwagen? Oldtimer? Habt ihr ihm etwas dazugegeben?“
„Bo Margarete Goldberg. Auch Fragen im näheren Umfeld der Masterfrage sind nicht zulässig“, sagt sie und ich kann ihren Anflug von Lächeln sehen, diese verdammte Schadenfreude, weil Johan sie alle instruiert hat, mir seine Autokaufpläne vorzuenthalten. Nur aus Rache!

Ja, ich gebe es zu. Mein voller Name ist Bo (nein, das ist keine Abkürzung!) Margarete (nach meiner toten schwedischen Omi) Goldberg. Laut meinem Bruder Johan sind wir exschwedische Deutsche. Laut meinem Vater ist Familie Goldberg schwedischer Abstammung jüdischen Glaubens. Laut meinem Opa Samuel sind wir dänische Schweden jüdischen Glaubens. Von denen einige nach Deutschland gegangen und andere in Schweden geblieben sind. Oder so. Ich steige da nicht durch, gehöre sowieso nur halb zum Club der Goldbergs, sozusagen als Importmodell. Aber Senta ist hier geboren und hat Lars während ihres Studiums in Schweden getroffen. Die Liebe hat Lars nach Deutschland gebracht, wovon Opa Sam, wie ich ihn nenne, nicht begeistert war. Er ist es immer noch nicht und lebt nach dem Tod von Omi wieder in Schweden, wo er geboren wurde. Johan und ich sind hier geboren. Angeblich sind wir alle Juden. Aber das merkt man höchstens am Kerzenleuchter auf der Fensterbank oder an der Tatsache, dass Lars meine Mutter manchmal lachend „Schickse“ nennt – das macht mich nicht wirklich zur Jüdin, oder? Beten tut hier jedenfalls niemand. Aber wenn jemand Juden beleidigt, beleidigt er auch mich und ich trete ihm in den Arsch. So einfach ist das!

Ein letzter Versuch bei Mama: „Ich will ja bloß wissen, ob er sich was Teures leisten kann, oder ob er …“, doch ich breche ab, in der absoluten Gewissheit, dass meine Mutter die Kunst des absoluten Geheimnisses perfekt beherrscht. Durch das Fenster sehe ich meinen Vater mit dem Rasenmäher über unsere Wiese ächzen.
„Wieso macht ihr diese schweißtreibenden Sachen eigentlich ausgerecht jetzt? Wieso macht ihr den Scheiß ÜBERHAUPT?“, fauche ich. Bin mir plötzlich unsicher, ob ich Bügeln und Rasenmähen oder die verdammte Geheimniskrämerei meine. Meine Mutter hält wortlos die Hand auf. Ich stöhne „Oh, verdammte Kacke!“ und diesmal kann sich Senta das Lächeln verkneifen und kassiert zwei Euro von mir, die ich ihr wütend in die Hand drücke. Pro Fluch ein Euro, so lautet die Regel.
„Wahrscheinlich habe ICH auf diese Weise das besch…“, ich kriege gerade eben die Kurve, den dritten Euro zu sparen, „… das Auto meines Bruders finanziert!“
„Nein“, sagt meine Mutter. Kein weiteres Wort zu diesem Thema. Ich gebe auf, gehe in Johans Zimmer zurück und starre weiter aus dem Fenster.

Eine halbe Stunde später hätte ich fast das Beste verpasst. Ich muss eingenickt sein. Als ich hochfahre, weil ein bullerndes Geräusch mich aus hitzigen Träumen reißt, klebt mir die GALA an der verschwitzten Wange. Deshalb Brad Pitt, denke ich über meinen Traum nach und reibe mir piekende Ernussflipbrösel von der nackten Schulter. Vom Fenster aus ist wieder nichts zu sehen, weil das gurgelnde Etwas – froschgrün, so viel kann ich erkennen – bereits in der Einfahrt steht, außerhalb meiner Sichtweite. Ohne zu überlegen, reiße ich Johans Fenster auf und klettere barfuß in den Vorgarten, dränge an dem Busch vor seinem Fenster vorbei und hüpfe auf die Waschbetonplatten. Dann passieren drei Dinge gleichzeitig:

Erstens: Johans bester Freund Stefan, den ich sowieso im Verdacht habe, manchmal heimlich an meinen Sachen in der Garderobe zu schnüffeln, wenn keiner aufpasst, fallen fast die Augen raus. Schlagartig wird mir klar, dass ich wegen der Hitze mein Top im Schlaf ganzflächig durchgeschwitzt haben muss, denn es wird angenehm kühl oben herum. Ein leichter Wind weht an der Garage entlang, fühle ich an meinen Brustwarzen und bin ganz offensichtlich nicht die Einzige, die es bemerkt. Ist das ein Speichelfaden, der Stefan aus dem Mund läuft? Das ist ja ekelhaft! Jungs sind manchmal so … aber kommen wir zu:

Zweitens: Stehe ich nun bereits mehrere Sekunden barfuß auf von der Julisonne aufgeheizten Waschbetonplatten. Und es ist ein heißer Juli, Freunde! Ich hüpfe also hoch, komme wieder auf den Boden und meine, das Zischen hören zu können, mit dem gerade Fußsohlensteaks auf heißem Stein gebraten werden. Also mache ich Fehler Nummer drei (wir erinnern uns an Fehler eins: Wet-Shirt-Contest) und stütze mich mit beiden Händen an Johans, nennen wir ihn erst einmal Froschwagen ab. Weder Johan noch Stefan konnten bisher einen Piep herausbringen, es geht einfach alles viel zu schnell. Stefan ist bereits ausgestiegen, Johan sitzt am Steuer, als könne er es nicht glauben. Dieses Auto zu besitzen, meine ich. Dass seine Schwester manchmal, nun ja … darüber ist er sich natürlich vollkommen im Klaren.

Es ist ein sehr heißer Sommer, ich wiederhole mich. Das gilt nicht nur für Straßenbeläge, sondern besonders für Motorhauben frontbetriebener Personenkraftwagen, wie ich nach einer Schrecksekunde spüre. Ich hüpfe mit medium durchgebratenen Fußsohlen vor der Garage herum und starre auf meine knallroten Handflächen, mich wundernd, dass der grüne Lack dieser Scheißkarre keine Blasen wirft. Die Sonne von oben hat die Haube zusammen mit dem Motor von unten fast zum Glühen gebracht! Giftgrüne Glut! Also tue ich instinktiv etwas, um die Hitzeeinwirkung und damit die Schmerzen an Händen und Füßen zu reduzieren – ich springe Stefan auf den Arm. Er fängt mich halbwegs galant, was bei 53 Kilo keine Meisterleistung ist, und hält mich mit offenem Mund in den Armen. Mit einem Gesichtsaudruck, als wäre die Sonne für ihn gerade zum allerersten Mal in seinem Leben aufgegangen. Er starrt mir aus nächster Nähe auf die Nippel und dann passiert etwas, womit ich überhaupt nichts anfangen kann: Er krümmt sich plötzlich vor Schmerz und lässt mich fast fallen. In letzter Sekunde kann ich mich auf die Beifahrerseite der Froschkarre retten und hellbraunes Kunstleder schnauft überrascht auf. Draußen windet sich Stefan mit glasigen Augen neben dem Auto und meine Schadenfreude verwandelt sich augenblicklich in Sorge.
„Was hast du? Ist dir nicht gut?“
„Doch“, stöhnt Stefan und klingt wie das genaue Gegenteil. Ich sehe Johan an, der seinen Blick unter Aufbietung all seiner Kräfte vom Armaturenbrett losreißt und mit den Achseln zuckt.
„Keine Ahnung. Er war im Krankenhaus, will aber nicht damit rausrücken, wo sie ihm was abgeschnitten haben.“ „Blinddarm vielleicht“, rate ich ins Blaue.
„Genau“, seufzt Stefan, wischt sich eine Schmerzensträne von der Wange und versucht abzulenken: „Wie geht’s dir denn, Bo?“
Ich puste vorsichtig in meine Hände. „Wer trägt mich rein?“
Johan hat mich überhaupt nicht gehört und Stefan sieht ehrlich traurig aus, denn er kann es offensichtlich nicht mehr, seit ich ihm auf den Arm gehüpft bin. Irgendetwas in seiner Mitte muss kaputt gegangen sein, als ich Stefan in den Arm gehüpft bin.
„Leistenbruch?“
„Nee, ist schon wieder gut“, antwortet er.
Mick kommt herangeradelt und winkt uns zu. Beim Anblick des Wagens lässt er sein Fahrrad achtlos in unseren Vorgarten fallen. Sein begeistertes Gesicht erscheint in der Beifahrertür.
„Boahh! Was für’n geiles Gerät!“
Dass er nicht mich damit meint, erklärt sich aus der Tatsache, dass mir mein neuer erster RICHTIGER Freund keinen Begrüßungskuss gibt, sondern meinen Bruder Johan anstrahlt. Dabei sind Mick und ich erst seit vier Wochen und drei Tagen zusammen! Vorher kannte er meinen Bruder nicht einmal.
„Mach mal an“, fordert er Johan auf und drückt mir seine Lippen beiläufig auf die Wange. So, als wären wir seit dreißig Jahren verheiratet. Aber ich habe gerade andere Sorgen an Händen und Füßen. Auf einmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich mich mit diesem Wagen jemals anfreunden werde. Bisher hat er mir jedenfalls nicht gerade Glück gebracht.
Johan tritt die Kupplung, legt Daumen und Zeigefinger feierlich auf den Zündschlüssel und macht es extra spannend. Stefan und Mick klettern auf den Rücksitz und Mick sieht zwischen Johan und mir begeistert nach vorn durch die Scheibe, obwohl dort nur das Garagentor der Goldbergs zu sehen ist.
Müsste mal wieder gestrichen werden, denke ich mit Blick auf die Roststellen. Dann springt der Motor blubbernd an und Mick brüllt außer sich vor Freude: „Mann! Das is’n Ford Granada Ghia! Von vierundsiebzig, oder? So einen fahren die Spinner in Absolute Giganten! Das ist mein Lieblingsfilm!“, raunt er mir begeistert zu. Und ich nehme mir vor, mir das zu merken, auch wenn ich gerade echt andere Sorgen habe, was nun endlich auch meinem Freund mit Blick auf meine knallroten Handflächen auffällt.
„Was ist dir denn passiert?“
„Curiosity Kills the Cat“, antwortet Johan an meiner Stelle.
„Curiosity KILLED the Cat“, verbessert Stefan von hinten, „Ben Volpeliere-Pierrot, Julian Godfrey Brookhouse, Nicholas irgendwas mit ‚B‘ im Mittelnamen Thorpe und Migi, dessen vollen Namen weiß ich auch nicht mehr. Aber ihr Album Keep Your Distance war 1980 fast dreizehn Wochen in den britischen Top Ten.“
„Dein Punkt Schneiderlein. Du bist und bleibst der Beste“, gibt Johan beeindruckt zu.
„War 80 das Jahr von Blade Runner?“, will Mick wissen.
„Nee, Blade Runner hatte 1982 Kinostart in den Staaten, 83 bei uns.“
„Na, großartig. Ich sitze mitten in einem Witz. Treffen sich ein Musikfreak, ein Filmfreak und ein Autofreak. Sagt der Filmfreak zum Musikfreak …“ Aber Johan gibt Gas und unterbricht meine Tirade: „Ich will noch ’ne Runde fahren.“
„Aber nicht ohne uns!“, verlangt Mick.
„Ich will auch mit“, verlange ich. „Muss aber vorher kurz rein. Ich brauche Salbe und Schuhe und so was.“
„Süße, du brauchst ganz besonders ’n Hemd oder so was“, sagt Mick mit Blick auf meine Brüste und Seitenblick auf Stefans Stielaugen.
„Ich müsste mal kurz ins Bad“, bittet Stefan verlegen.
„Na, dann macht hin. Dalli“, verlangt Johan. „Ich warte im Wagen.“
„Natürlich. Wahrscheinlich übernachtest du ab jetzt in der Karre, was?“, sage ich, doch mein Bruder reagiert nicht. Er genießt gerade den Anblick irgendeiner Anzeige im Armaturenbrett.
Ich versuche, ohne Handflächen und Fußsohlen zu benutzen, aus dem Auto zu steigen. Dabei muss ich ungefähr so aussehen wie eine betrunkene Spinne.
Endlich erbarmt Mick sich, mir aus dem Wagen zu helfen. Er gibt mir einen Kuss und trägt mich über die Schwelle ins Haus. Das fühlt sich allerdings SEHR COOL an!

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„SIE KRIEGEN DICH“ – Jugendkriminalroman, Thienemann/Carlsen (Labyrinthe-Krimi 2)

Auch beim Leseportal Antolin.de im Quiz!

PROLOG – TONBANDPROTOKOLL

„Für die Akten … zum Zeitpunkt dieser Tonbandaufnahme ist es Mittwoch, der 23. Juni, Uhrzeit, Moment … 17 Uhr 25. Mein Name ist Hauptkommissar Joachim Breidenbach. Ist der Befragte, Benjamin Terjung, mit der Tonaufzeichnung seiner Aussage einverstanden? … Benjamin, du musst etwas sagen. Ich brauche dein Einverständnis zur Aufnahme auf Band. Nicken genügt nicht. Na los, sag was!“
„Oh, äh, das geht klar.“
„Du bist mit einer Aufzeichnung einverstanden?“
„Ja.“
„Anzeige von Benjamin Terjung gegen Unbekannt wegen räuberischen Diebstahls. Benjamin, du bist gerade fünfzehn geworden?“
„Am elften Mai.“
„Ist dir klar, dass du eingeschränkt rechtsmündig bist?“
„Nein. Was heißt das?“
„Dass du mir nur die Wahrheit erzählen solltest. Also, was ist gestern passiert?“
„Ich wurde verprügelt und dann wurde mir das Rad geklaut. Ich war auf dem Weg von der Schule nach Hause.“
„Kannst du den oder die Täter beschreiben?“
„Sie waren zu dritt. Das habe ich aber erst später kapiert.“
„Wieso?“
„Weil sich mir zuerst nur der … der Türke und der dünne Typ in den Weg gestellt haben. Der Dünne ist mir vors Rad gegangen.“
„Er ist dir vors Rad gelaufen, meinst du?“
„Nein, das war Absicht. Der hat mich angesehen und sich mir in den Weg gestellt. Ich wollte ausweichen, er wieder in meinen Weg. Ich bin langsamer geworden und dann sind wir beide gestürzt.“
„Du hast den Jungen also angefahren und bist vom Rad gefallen?“
„Eben nicht! Ich hab den nicht angefahren, der hat nur so getan. Aber das haben der Typ und der Türke dann dauernd gebrüllt.“
„Was haben sie gebrüllt?“
„Na, dass ich den umgefahren hätte. Ich hätte das extra gemacht, hat der Kleinere immer wieder gerufen, hat sich richtig reingesteigert und ist total ausgeflippt.“
„Und der türkische Junge war ein Zeuge?“
„Nee, das war nur ’ne Show. Ein Trick. Die kannten sich und wollten mich abzocken.“
„Du willst damit sagen, dass der dünne Junge und der Junge, den du ‚Türke‘ nennst, sich dir absichtlich in den Weg gestellt haben?“
„Nicht beide. Nur der Dünne, damit ich ihn umfahre. Dem hat aber überhaupt nichts gefehlt. Der hat mich später sogar noch umgehauen.“
„Was ist mit dem Dritten?“
„Sie glauben mir kein Wort, oder?“
„Du sagtest, sie waren zu dritt.“
„Nachdem der dünne Typ den Streit angefangen hatte, fing der Türke damit an, dass er mein Rad konferieren will, oder so.“
„Das hat er gesagt?“
„Ich bin nicht sicher. Ich hatte tierische Angst.“
„Hat er vielleicht ‚konfiszieren‘ gesagt?“
„Kann sein.“
„Weißt du, was er mit ‚konfiszieren‘ meinte?“
„Nee, ich hab nur begriffen, dass er mir das Rad abnehmen wollte. Das waren Asis. Dann hat mir der dünne Typ noch eine reingehauen und weg waren sie. Mit dem Rad, natürlich.“
„Was war mit dem dritten Täter?“
„Dem Fettsack?“
„Benjamin, es wäre hilfreich, wenn du die äußerliche Erscheinung der Täter genauer beschreiben könntest, als der Dünne, der Türke und der Fettsack. Geht das?“
„‚tschuldigung.“
„Erzähl weiter. Besondere Merkmale?“
„Also, der Dünne … der mich umgehauen hat, trug ein schwarzes Kapuzenschirt mit ’nem Totenkopf drauf. Dafür war es eigentlich viel zu warm … ist ja egal. Auf dem Shirt war ein riesiger Totenschädel, darunter stand irgendwas.“
„Sankt Pauli vielleicht?
„Kann sein.“
„Ein schwarzes Kapuzenshirt des Hamburger Fußballvereins Sankt Pauli. War es das?“
„Ich kenn mich mit Fußball null aus. So’n Piratenschädel mit gekreuzten Knochen halt.“
„Also weiter.“
„Können wir ’ne Pause machen?“
„Wir haben doch gerade erst angefangen!“
„Bitte. Ich muss pinkeln.“
„Von mir aus … Beeil dich.“
Stühle rücken, dann klackt es, als der Kassettenrekorder abgeschaltet wird.

1. FREITAG

EISKALT (13 Uhr 26)

„Weber hat die Leiche angefasst“, rief eine Stimme aus der Menge der Schüler, die sich um den Tatort drängten. Sofort entstand ein Tumult auf dem Schulhof.
„Hab ich nicht!“, brüllte Weber zurück und wollte sich auf den Denunzianten stürzen. Gegenüber dem Haupteingang des Gymnasiums flatterten Krähen protestierend in den Himmel.
Polizeiobermeister Kürten versuchte die aufgeregten Schüler unter Kontrolle halten. Im Schnee waren bereits mehr als genug Spuren, die niemals zugeordnet werden konnten.
Scheißkalt, dachte Kürten und sah sich um. Die Schneedecke lag völlig zertrampelt vor ihm. Er hatte die Kripo über Funk angefordert. Sofort, als er den toten Jungen im Müllcontainer neben dem Haupteingang des Gymnasiums gesehen hatte. Ein grauenhafter Anblick. Die Kollegen sollten bereits vor einer halben Stunde angekommen sein. Wahrscheinlich waren sie immer noch ohne Winterreifen unterwegs. Der Kälteeinbruch hatte die ganze Stadt überrascht.
Nur zu gern hätte Kürten den Deckel des Müllcontainers geschlossen, um den Schülern diesen Anblick zu ersparen. Doch er wollte keine Spuren vernichten.
„Weber hat ihn angepackt“, brüllte der Schüler erneut, der einem Frettchen glich. Der beschuldigte Weber drängte wie ein Eisbrecher durch die Menge und ging auf den Schreihals los. Das Frettchen fiel in den Schnee vor den Mülltonnen. Weber stürzte sich auf ihn, er war größer und schwerer. Das Frettchen quiekte erschrocken.
Weber ist zu dick, dachte der Polizist und zerrte die Jungen auseinander. Weber hatte ganze Arbeit geleistet: Das Frettchen war mit dem Kopf auf den Boden aufgeschlagen. Sein Blut im Schnee vor dem Container sah schlimm aus. Ein roter Fleck, wie von einem toten Tier. Kürten drückte ein Taschentuch auf die Kopfwunde des Jungen, um die Blutung zu stillen. Das Frettchen schrie wie am Spieß, hinter dem Polizisten begann Weber zu weinen.
„Hab nix angefasst, ehrlich! Ich wollte nur an die Tonne!“
„Rufen sie einen Arzt“, rief der Polizist einem älteren Lehrer zu, der vor dem Müllcontainer stand. Doch die Aufsicht konnte sich vom Anblick der Leiche nicht losreißen.

In den aufgerissenen Augen des toten Jungen waren Schneeflocken geschmolzen und auf dem Weg über die Wangen wieder gefroren. Polizeiobermeister Kürten hätte den Deckel schließen sollen, doch er war von dem Chaos um ihn herum überfordert. So lag der tote Junge im Müllcontainer zwischen blauen Plastiksäcken und losen Papieren, die seine Schultern und den Brustkorb bedeckten, mit Blick in den Himmel und der Schnee fiel ihm ins Gesicht. Sein Körper inmitten des Mülls verrenkt, wie nur Leichen verdreht sein können, wenn sie erstarren. Oder, wie in diesem Fall, zu einer grausigen Momentaufnahme gefroren waren.
Kürten verfluchte sich, allein zum Fundort gefahren zu sein. Doch seit dem Kälteeinbruch war das Chaos auf den Straßen kaum noch zu bewältigen gewesen. Alle Kollegen waren unterwegs und Kürten war auf sich allein gestellt. Er vermied den Anblick der gefrorenen Leiche und holte eine Rolle Absperrband aus dem Kofferraum, obwohl es für die Sicherung des Tatorts bereits zu spät war. Das würde Ärger mit den Kollegen von der Kripo geben.
Schülerinnen und Schüler stapften schweigend, manche weinend, durch den Schnee vor dem Container neben dem Haupteingang des Gymnasiums. Einige umarmten sich in Schock und Trauer. Ein dürres Mädchen mit Zöpfen erbrach sich in die Büsche neben dem Gebäude. Mitschülerinnen stützten sie.
Die verwischen alle tatrelevante Spuren, dachte Kürten. „Tun Sie endlich was! Schaffen Sie die Kids hier weg“, rief er dem Lehrer zu, der immer noch völlig überfordert herumstand. Dann wurde das Frettchen bewusstlos. Kürten gestikulierte nach zwei kräftigen Jungs und wies sie an, den Ohnmächtigen in die Pausenhalle zu bringen, als der mehrstimmiger Klingelton eines Handys ertönte. Die Melodie kam Kürten bekannt vor, doch es wollte ihm nicht einfallen, woher. Das Handy verstummte kurz, dann begann die Melodie von vorn. Schüler stapften durch den Schnee und zerrten Nokias, Siemens, Sony Ericssons und Motorolas aus Taschen und Mänteln.
Natürlich, das ist von Robbie Williams, dachte Kürten und sah sich um. Es klingelte immer weiter.
In einer anderen Ecke des Pausenhofs sahen sich Zwillinge erschrocken an, als die Melodie erneut ertönte.
„Das ist doch … She’s The One“, flüsterte Viola, die drei Stunden ältere und drei Zentimeter größere der beiden Schwestern.
„Benjamins Handy“, antwortete Lilia, „den Klingelton hat er am Computer selbst eingespielt.“
Trotz Ihrer unterschiedlichen Frisuren sahen sich die beiden erschrockenen Mädchen sehr ähnlich.

Kürten folgte der Melodie, und mit jedem Schritt wuchs seine Gänsehaut. Der Klingelton kam aus dem Metallcontainer, in dem der tote Junge lag. Kürten hörte in den Container und vermied den Anblick des Jungen, wollte die blassen toten Augen nicht sehen. Doch er musste in die Tasche des Jungen greifen. Denn immer wieder ertönte die Melodie. Kürten fand das Handy und nahm den Anruf an: „Ja? … Hallo?“ Er zuckte zusammen, als er eine metallisch klingende Roboterstimme hörte: „Der Standort dieses Mobiltelefons wurde geortet.“ Die Verbindung brach ab und ein regelmäßiges Tuten ertönte, Polizeiobermeister Kürten sah das Mobiltelefon in seiner Hand und stöhnte auf.
Keine Handschuhe! Ich habe dem Opfer ein Beweisstück ohne Handschuhe entnommen. Wie viele Fehler werde ich heute noch machen? Die Kollegen der Kripo werden mich in der Luft zerreißen.
Es begann wieder zu schneien. Der Schnee rieselte auf blaue Plastiksäcke, Fetzen geschredderter Klassenarbeiten und die weit aufgerissenen Augen eines toten Jungen, dessen Gliedmaßen verdreht und unrichtig im Müll ausgebreitet lagen.
Er ist kaum älter als die Schüler, dachte der Polizist und achtete nicht mehr auf Spuren, als er den Deckel des Müllcontainers schloss. Er konnte keine Sekunde länger in diese geöffneten Augen sehen. Er schien, als würde der tote Junge weinen.

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„MORDGEDANKEN“ – Jugendkriminalroman, Thienemann/Carlsen (Labyrinthe-Krimi 1)

ERSTE HEXE: „Wann kommen wir drei uns wieder entgegen,
im Blitz und Donner, oder im Regen?“
„Macbeth“ – 1. Aufzug, 1. Szene

August. Dritte Theaterprobe.

Die Tür flog auf und Jan rannte aus der Dunkelheit des Jugendzentrums. Draußen war es gleißend hell. Hinter Jan stürzte ein Verfolger aus der Tür. Er blutete aus der Lippe. Jan stolperte über einen Blumenkübel, strauchelte auf die Straße und bemerkte den Linienbus nicht. Er hatte keine Ahnung, wie knapp der 782er ihn verfehlte, seine Augen hatten sich noch nicht an die Helligkeit gewöhnt.
Jan rannte durch brütende Hitze auf das Schulgelände und rüttelte an allen Türen vor dem Haupteingang des Gebäudes. Sie waren verschlossen, niemand zu sehen, nur Mülleimer stanken in der Hitze. Jan schrie auf. Er wollte zu Herder, seinem Biologielehrer!
Denk nach, Jannick! Schulferien, hörte er Mona. So fröhlich wie früher. Monas Stimme in seinem Kopf ließ Jan die Richtung wechseln und auf dem Weg in das Internatsgelände hinter der Schule noch einer Zahn zulegen. Obwohl er wegen der Hitze fast ohnmächtig wurde. Die Zunge klebte in seinem Hals wie ein zu großer Kaugummi. Seine rechte Hand schmerzte. Auf den Fingerknöcheln brannten Abschürfungen. Wahrscheinlich war das Gelenk verstaucht. Jan hatte noch nie zuvor einen Menschen geschlagen, doch vor wenigen Minuten hatte er Macbeth niedergestreckt! Den Krieger einfach umgehauen. Mit einem Schlag!
Jan setzte über den kleinen Zaun zum Sportplatz und trampelte zwischen den Bänken am Spielfeldrand hindurch. Über Taschen von Footballern aus der Oberstufe, die mitten in ihrem Ferientraining waren. Die Krieger brüllten Jan Flüche nach. Einer versuchte, Jan auf dem Spielfeld zu tacklen, der wie ein Hase Haken über den Rasen schlug. Doch vergeblich – der Kleine war zu schnell. Ihr Trainer brüllte die verschwitzten Krieger an, sich ein Beispiel an dem Jungen zu nehmen und endlich ihre faulen Hintern zu bewegen. Da war Jan bereits im Wald hinter dem Spielfeld verschwunden. An einem Montag, kurz nach fünf Uhr. Ende August des heißesten Sommers seit Jahren. Niemand in der Stadt bewegte sich schneller als er musste. Die meisten bewegten sich überhaupt nicht mehr. Oder waren in den Ferien.
Jan rannte, als ginge es um sein Leben. Das entsprach nicht den Tatsachen. Nicht ganz. Doch seit einiger Zeit konnte Jan an nichts und niemand mehr denken als an Mona. Sein Hemd klebte nass vor Schweiß am Körper. Bäume und Sträucher hinterließen Striemen auf seinen Armen, Blätter und Gestrüpp in seinen Haaren. Jan bemerkte nichts davon. Er pflügte eine Schneise durch das Internatswäldchen, ohne Gedanken an Haut und Haar oder an seine Brille zu verschwenden, die ihm von einem Ast aus dem Gesicht gewischt worden war.
Ohne einen Gedanken daran, dass er auf seinem Weg bereits mehr Flüssigkeit verloren hatte, als für einen Fünfzehnjährigen bei diesen Temperaturen gut sein konnte, weinte Jan auch noch wie ein Schlosshund.
Wie ein Mädchen. Wie ein Verlierer!
Verlierer lässt man links liegen! Auch eine von Monas Weisheiten, die Jan nie ganz verstanden hatte. Weil sie unvermittelt die traurigsten Dinge sagen konnte, um Sekunden später lachend in die Hände zu klatschen und neuen Unsinn vorzuschlagen. Weil Mona niemals weinte. Weil Mona alles wusste. Weil Mona großartig war!
Der Wald neben dem Sportplatz des Internats wurde von einem hohen Drahtzaun begrenzt. „Vögelwäldchen“ wurde er auf dem Pausenhof von den Älteren bekichert. Und Jan hatte damals tatsächlich an eierlegende Tiere mit Federn geglaubt.
„Ja, sicher“, hatte Mona gegrinst, „der genoppte Präservativ nistet dort.“ Die Hexen neben Mona waren in Gelächter ausgebrochen, während bei Jan der Groschen fiel und er blutrot anlief. Dann hatte Mona ihn freundlich angelacht: „Mach dir nichts draus, Jannick. Da gibt’s sicher auch Amseln.“
Die verarscht mich! Total!
Kurz darauf hatte Jan sich in Mona verliebt. Noch nie hatte jemand ihn „Jannick“ genannt. Er verliebte sich in Monas Locken. In ihr Lächeln. Besonders verliebte Jan sich in Monas freche Klappe. Mit dem Muttermal über der Oberlippe. Unsterblich. Nur wusste Jan es damals noch nicht. Er hatte gelacht und gehofft, dass niemand sah, wie er rot wurde.
Doch. Mona hatte es gesehen und gelächelt. Plötzlich schämte Jan sich nicht mehr. Und verliebte sich.

Er stolperte blindlings durch die Büsche. Seine Angst war kalter Panik gewichen. Keine Ahnung, warum er ausgerechnet in den Wald gerannt war. Nun fand er keinen Ausgang, kein Tor, nicht auf dieser Seite. Jan musste über den verdammten Zaun! Beim ersten Anlauf machte er den Fehler, sich mit der verstauchten Hand festzuhalten, der Schmerz durchzuckte Jans Körper wie ein Blitz. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er fiel rückwärts in den Dreck und bekam keine Luft. Nach der Strecke, die Jan zurückgelegt hatte, bei diesen Temperaturen und dem harten Schlag auf seine Lungenflügel, war es ein Wunder, dass er wieder auf die Füße kam. Ohne Brille verschwamm der Drahtzaun vor Jans Augen zu einer trüben Masse. Zusammen mit den Blitzen vor seinen Augen konnte Jan kaum noch etwas erkennen. Er krallte sich mit der Linken in den Draht und rang nach Atem. Auf der anderen Seite des Zauns tauchte eine Gestalt in Form einer gebeugten, alten Hexe auf.
Ich bin die erste Hexe!, brüllte Mona in seinem Kopf. Mit der Stimme einer Wut, die Jan von Mona nicht kannte. Die alte Dame auf der anderen Seite zuckte erschrocken zusammen, als Jan röchelnd hinter dem Zaun auf die Knie sank. Er begann zu weinen. Die alte Dame setzte zur Flucht an. Doch von dem verdreckten Jungen ging keinerlei Gefahr aus. Jan war nur verzweifelt und verwirrt.
„Sie ist weg!“, brüllte Jan durch den Zaun.
Was die alte Dame betraf, hatte er damit vollkommen Recht.

„Wie siehst du denn aus? Bist du verprügelt worden?“
Jan stapfte schweigend zum Kühlschrank und setzte unter den Augen seiner Mutter das Tetrapack Orangensaft an den Hals. Claudia Reiter war so erschrocken über Jans Anblick, dass sie darauf verzichtete, ihren Sohn zu ermahnen, ein Glas zu benutzen. Wie sie es unzählige Male vorher getan hatte. Ohne Erfolg.
Jan trank aus, zerknüllte die Schachtel und ließ sich auf einen Küchenstuhl neben dem Fenster fallen und wischte sich schmutzigen Schweiß aus den Augen. Erst jetzt bemerkte seine Mutter, dass Jan heftig atmete. Von seiner Stirn führte eine Spur geronnenen Blutes in Richtung Augenlid, die Jan mit einer fahrigen Bewegung auf seiner ganzen Stirn verteilte, ohne es zu bemerken.
„Was ist passiert? Wo ist deine Brille?“ Claudia eilte mit dem Küchenhandtuch in der Hand zu Jan und zupfte einen Zweig aus seinen Haaren.
Es war Claudia nicht entgangen, dass ihr Sohn in letzter Zeit Probleme zu haben schien. Über die er nicht sprechen wollte. Nicht mit ihr und seinem Vater. Auch jetzt schwieg Jan mit zusammengebissenen Zähnen. Er ging in Deckung, als sie die blutige Kriegsbemalung von seiner Stirn wischen wollte.
Es gab Claudia jedes Mal einen Stich, wenn der Junge ihrer Umarmung oder einem Kuss aus dem Weg zu gehen versuchte. Dieter hatte dafür Verständnis, wie für fast alles, was sein Sohn in letzter Zeit tat. Oder nicht mehr tat.
„Der Junge wird erwachsen“, war Dieters Standardspruch. Und obwohl ihr Mann vom Horrortrip seiner eigenen Pubertät berichtet hatte, wurde Claudia beim Anblick ihres Sohnes klar, dass mit Jan etwas passierte, das weit über erste Pickel und pubertären Kleinkram hinausging. Das hier war groß! Jan wehrte sich nicht, als sie seine Stirn mit dem feuchten Küchenhandtuch abtupfte. Er ließ sogar zu, dass sie ihm das wirre Haar glatt strich und einen Kuss auf die Stirn drückte. Claudia hatte ihren Sohn noch nie so gesehen. In seinem Gesicht stand Verzweiflung.
Jan konnte es nicht mit einem lockeren Spruch überspielen, um einer Diskussion aus dem Weg zu gehen. Eine schlechte Angewohnheit, die Jan von seinem Vater geerbt haben musste.
Er saß auf dem Küchenstuhl, starrte aus dem Fenster und ließ sich von seiner Mutter im Arm wiegen. Doch Claudia konnte die ungewohnte Nähe zu ihrem Sohn nicht genießen. Dann brach es aus Jan heraus. Ein Schluchzen schüttelte seinen Körper und erfüllte Claudia mit Furcht. Ihre Sorge ließ die Frage scharf und laut klingen. Doch sie musste erfahren, was Jan zugestoßen war: „Was ist mit dir los!?“ Claudia riss sich zusammen, ihren Sohn nicht ungeduldig zu schütteln. Es dauerte eine Weile, bis Jan Luft bekam. Dann – endlich! – rückte Jan mit der Sprache heraus.
„Mona ist weg!“

Juli – The person you have called …

„… is temporarily not available.“
Jan musste sich zusammenreißen, das verdammte Handy nicht an die Wand zu werfen. Mona hatte Jan seit Tagen und Wochen mit Spielchen und Kontaktsperren wahnsinnig gemacht. Weich gekocht!
Seine kleine Schwester sah vom Boden auf. Nina lag vor einem Puzzle in Jans Zimmer auf dem Teppich. Die dumme Kuh hatte noch nicht einmal die Ränder fertig!
„Schaff den Scheiß aus meinem Zimmer!“, fuhr Jan sie an und latschte auf dem Weg zur Tür absichtlich über die erste fertige Ecke von Ninas Pferden.
„Ich kann nix für deinen Liebeskummer, Brillo!“, hörte
Jan, bevor er seine Zimmertür zuknallte. Vom Flur aus hörte er Nina schluchzen. Sofort tat ihm seine kleine Schwester Leid. Sie konnte nichts für seine Launen. Jan hatte Nina erlaubt, das Geburtstagsgeschenk auf dem heiligen Boden auszubreiten. Schließlich hatte Jan das größere Zimmer. Das Puzzle mit Pferden auf einer Koppel war sein Geschenk für Nina, sie war verrückt nach so was. Doch seine unbestimmte Angst um Mona schnürte Jan die Brust zu, machte ihn wütend! Auf alles und jeden! Jan konnte nicht mehr schlafen. Deshalb konnte er nicht mehr denken. Eine dunkle Wolke war über ihm aufgezogen. Und obwohl er wusste, dass seine ganze Familie darunter zu leiden hatte, funktionierte Jan nur noch. Wie eine Maschine. War zur Schule gegangen, hatte letzte Arbeiten geschrieben. Gefährdete kurz vor den Ferien seine Versetzung und enttäuschte den Biologielehrer. Enttäuschte Herder, der große Stücke auf Jan hielt. Jan fühlte sich beschissen.
Nicht nur, weil er seine Eltern und Nina quälte und seinem Lieblingslehrer nicht mehr in die Augen sehen konnte. Sondern weil er Mona nur noch auf den Theaterproben im Weveler Hof sehen konnte. Mona hatte ihre Kontaktsperre ohne Begründung verhängt. War Jan in den Pausen aus dem Weg gegangen. Hatte die Hexe nicht nur auf der Bühne, sondern jeden Tag gespielt! Und Jan hatte nicht die leiseste Ahnung, was er falsch gemacht hatte.

Anna Weiß war begeistert von Monas Darstellung, sie leitete die Theatertruppe im Zentrum. Jan hatte wegen Mona mit dem Mist angefangen. „Macbeth“ – ein alter Schinken von Shakespeare. In einer Sprache, die keiner kapierte. Mit einer Story, die allen Beteiligten zu hoch war. Männer, die sich mit Schwertern den Schädel spalteten. Verrat und Mord. Drei Hexen mit komplizierten Sprüchen, eine total durchgeknallte Lady Macbeth. Blutrünstiger Unsinn, fand Jan. Nur wegen Mona hatte er überhaupt mitgemacht. Mona hatte Jan in die Truppe geholt. Mona wusste über Shakespeare und Theater Bescheid. Sie hatte Jan für den Hintergrund des Stücks zu begeistern versucht. Jan hatte sich alle Mühe gegeben, zu verstehen, worum es ging. Doch er war kein Schauspieler. Er wollte nur so oft wie möglich bei Mona sein. Jan war verliebt in Mona. Theater war ihm egal.
Er zog die Wohnungstür leise hinter sich zu, damit keine Fragen aus Küche oder Wohnzimmer gestellt werden konnten. Er wollte allein sein, eilte aus dem dritten Stock durch den Hausflur ins Freie, lief über die Straße zur Bushaltestelle und freute sich auf die stillen Räume des AquaZoo. Seine eigenen Räume für Träume. Sportskanone, Schauspieler oder Rockstar war nicht Jans Ding. Basketball spielte er kaum noch. Jan wollte Biologe werden.
Herder, sein Lieblingslehrer, hatte Jan mit einer beeindruckenden Rede darauf gebracht:
„Morgen, Leute. Ich weiß, dass ihr an diesem Fach nicht besonders interessiert seid, denn Sexualkunde ist schon lange durch … Ihr benutzt doch Kondome, oder?“
Ein Lachen ging durch die Klasse. Zwischenrufe und Pfiffe. Herder schrieb eine Formel an die Tafel und drehte sich um: „Deutschland … die ganze Welt sucht den Superstar. Aber wer oder was ist ein Superstar?“
Unter Gelächter wurden Namen gerufen und Lieder gesungen. Herder hörte sich das an, dann sorgte er mit einer Handbewegung für Ruhe. „Letztes Jahr ist Simone Schwerfel an Krebs gestorben. Erinnert ihr euch an diese Mitschülerin? An Simone? Die Rothaarige?“
Schlagartig wurde es totenstill. Herder fuhr sachlich fort: „Simone Schwerfel litt an Blutkrebs, oder anders gesagt, an einer chronischen Form der myeloischen Leukämie, auch CML genannt.“
Eisige Stille im Raum. Herder deutete auf die Tafel.
„Dies ist die Formel eines amerikanischen Superstars, Leute. Für ein neues Medikament gegen Simones Krankheit. Der Erfinder ist Wissenschaftler.“
„Wieso ist Simone dann tot?“, rief jemand aus der vierten Reihe wütend. Jan drehte sich um, genau das wollte er ebenfalls wissen. Herder sah traurig aus. „Ihr könnt mit Singen und Tanzen Karriere machen oder eure Schulmannschaft nach vorn bringen. Ihr könnt in Sport und Unterhaltung ganz groß werden. Aber das macht keinen Einzigen von euch zu einer wichtigen Person. Echte Superstars existieren nur in der Wissenschaft!“
Herder deutete auf die Formel an der Tafel, bevor er sie wegwischte. „Dieses Medikament existiert erst seit wenigen Wochen auf dem Markt. Forschung und Wissenschaft spielen leider immer gegen die Zeit. Wir brauchen noch viele neue Stars, um Probleme wie dieses zu lösen.“
Ein Mädchen hinter Jan schniefte leise.
„Wenn ich eure Gefühle verletzt haben sollte, tut es mir Leid. Mein Beispiel soll verdeutlichen, dass wir im Unterricht keine Zeit verschwenden werden, Grundlagen für zukünftige Stars zu schaffen … Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit. Warum ihr nicht rauchen sollt und was Sonne auf der Haut anrichten kann, wird Thema der nächsten Stunde. Aber fürchtet euch nicht!“ Damit warf Herder den Tafelschwamm ins Waschbecken und ging.
Jan blieb sitzen, während seine Mitschüler murmelnd den Raum verließen. Erik sprang wütend auf. „Der Herder spinnt doch!“
„Wieso? Er hat Recht“, gab Jan zurück.
„Hast du sie noch alle? Der zieht seine Wissenschaft-Superstar-Nummer in jedem Kurs durch. Weiß ich von meinem Bruder.“
Doch Jan hatte Herder verstanden. Glaubte er zumindest.
„Herder will Interesse für sein Fach wecken.“
„Mit toten Mitschülern, denen man erst helfen konnte, als es zu spät war?“, schnaubte Erik.
„Ja“, nickte Jan, „weil es niemals zu spät ist.“
Der Gong ertönte. Während die Jungs vom Biologieraum in den Flur einbogen und im Strom der Pausenwütigen auseinander getrieben wurden, rief Erik hinter Jan her: „Du bist bekloppt. Weißt du das?“ Jan reckte seinen Mittelfinger Richtung Decke. Hinter seinem Rücken konnte er das meckernde Gelächter von Erik hören.

Die Räume des AquaZoo waren dunkel und angenehm kühl. Becken mit Fischen, Reptilien und Amphibien waren beleuchtet und temperiert, den Bedingungen der verschiedenen Lebensräume angepasst. Sie leuchteten wie Fenster ferner Welten in die stillen Gänge. Außer Jan schienen an diesem frühen Nachmittag im Juli kaum Besucher im Zoo zu sein. Besonders den Terrarien mit Reptilien und Amphibien gehörte Jans Leidenschaft. Er wanderte begeistert durch die dunklen Räume mit den faszinierenden Ausblick in fremde Welten: Wüste. Savanne. Die Tropen. Tiere unter und über Wasser. Für jeden Lebensraum ein Fenster in die andere Welt. Jan konnte nie genug davon bekommen. Er klebte an den Scheiben und drückte sich die Nase platt, bis er eine Stimme hinter sich hörte: „Hey, Professor!“
In der Mitte des Raums mit tropischen Fröschen befand sich eine Bank aus dem gleichen dunklen Stein, aus dem auch Wände und Boden des Zoos bestanden. Mona lehnte sich vor und betrachtete Jan mit einem amüsierten, aber auch müden Ausdruck im Gesicht. Jans Herz machte einen Satz! Seine Gedanken ebenfalls: Hey! Wo warst du? Warum lächelst du so? Woher weißt du, dass ich hier bin? Darf ich dich küssen? Bleibst du bei mir? Oder haust du gleich wieder ab? Wo warst du? Darf ich dich umarmen? WO ZUM TEUFEL WARST DU??
„Hey.“ Jan stand auf, stellte sich neben Mona und versuchte, gelassen zu wirken. Cool.
„Ich war noch nie hier.“ Mona kicherte: „Sollen wir ’n paar von den Quakern aufblasen? Ich hab Strohhalme dabei.“
„Hast du nicht!“
„Nee. War nur ’n Scherz.“
Jan führte Mona zu einem Terrarium neben der Bank. Er deutete auf einen winzigen gelben Frosch, der Jan und Mona bewegungslos durch die Scheibe ansah.
„Phyllobates terribilis“, sagte Jan.
„Ziemlich gelb, der Kleine. Ist er bei der Post?“, grinste Mona. „Der könnte auf meinem Daumen sitzen.“
„Wenn du den Daumen danach ableckst, würdest du sterben“, antwortete Jan. Mona beugte sich vor. Interessiert beobachtete sie den Frosch. „Ehrlich?“
„Indianer in Südamerika tragen diese Frösche in kleinen Bastkörben bei sich. Sie reiben ihre Pfeilspitzen über den Rücken des Froschs und jagen damit. Wer getroffen wird, stirbt. Es gibt kein Gegengift!“
„Uhh“, sagte Mona, während der tödliche Zwerg auf winzigen Beinen Deckung hinter einer Wurzel suchte. Ende der Vorstellung. Mona grinste: „Hey, ein Witz: Was ist grün und wird auf Knopfdruck rot?“
„Frosch im Mixer“, sagte Jan. Den kannte er und lachte nicht. Sondern sah Mona unendlich traurig an. Kein guter Witz. Kein guter Tag.
„Du stehst auf diese Sache, oder? Froschmann?“
Jan schwieg und sah zu Boden.
Ich steh auf dich, Mona! Nenn mich doch wieder Jannick, so wie früher. Ich kann den Weichspüler aus deinen Klamotten riechen. Ich kann DICH riechen! Und weiß genau, wie dein Kuss geschmeckt hat. Du hast gelacht, in diesem kleinen Wäldchen. Im Knutschparadies … Du hast den Wald doch umgetauft! Mann, haben wir gelacht! Ich vermisse dich! Gehe meiner ganzen Sippe auf den Sack. Weil du mir fehlst. Was ist passiert?
„Alles klar bei dir?“, fragte Jan vorsichtig.
„Ja … nee. Nicht wirklich.“ Mona hatte Ränder unter den Augen, die Jan vorher nicht aufgefallen waren.
„Was ist denn?“
Mona stand auf und entfernte sich ein paar Schritte von Jan. Klopfte an eine Scheibe, sah in das Terrarium und wandte sich Jan zu. Der immer noch nach den richtigen Worten suchte. „Wo ist der denn plötzlich?“
„Versteckt sich. So wie du.“
Jan kapierte den Fehler, bevor sein Spruch bei Mona ankam. Ihr Gesicht verdunkelte sich.
Gleich wird sie „Arschloch“ sagen, so wie Nina eben. Ich benehme mich ja auch wie eins! Doch während Jan die Luft anhielt, murmelte Mona: „Wird schon seine Gründe haben zu verschwinden.“ Dann klopfte sie an die Scheibe: „Hallo! Komm wieder raus! Wir benutzen Strohhalme nur zum Trinken, versprochen!“
Jan lachte auf. Viel zu laut. Kam sich wie ein Idiot vor und folgte Mona zur Bank zurück. Sie küsste Jan auf den Mund. Ihre Zunge streichelte ganz vorsichtig über Jans Lippen. Es war wunderbar, doch Jan konnte es nicht genießen. Er küsste ihr Muttermal über der Oberlippe, vergrub seinen Kopf in ihrem Haar und machte sich Sorgen, ohne begründen zu können, warum. Ein mulmiges Gefühl. Ein Klumpen in seinem Magen, der seine rasende Verliebtheit seit einiger Zeit überschattete. „Was ist los mit dir, Mona?“
„Du wiederholst dich, Froschmann“, lächelte Mona und stand auf. „Wir sehen uns auf der Probe.“
Mona war noch nicht ganz aus dem Raum, als Jan ihr hinterherrief: „Hey! Weißt du, was wirklich grün ist?“
Sie drehte sich um.
„Hoffnung ist grün.“
„Wieso ist der Frosch dann gelb?“, fragte Mona.
„Der ist giftig!“, antwortete Jan.
„Das bin ich auch“, sagte Mona und verschwand.

Es war das Letzte, was Jan von Mona gerochen, gefühlt, geschmeckt, gesehen und gehört hatte. Jan traf Mona nicht auf der dritten Probe. Er sah sie überhaupt nicht mehr. Und seine Angst sollte später noch viel größer werden als die unbestimmte, dunkle Ahnung im AquaZoo.

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